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Texte von Harald Sorg, Ethnologe

Einführung | Stamm statt Staat | Orient-Träume | Beduinen


Beduinen

Die Beduinen als Überbegriff für eine Gruppe von gleichförmigen Menschen gibt es genau genommen nur als Denkschublade im Kopf des Betrachters. Es vereinfacht das Denken, formt die Wahrnehmung und kann als Gemeinsamkeit heraufbeschworen werden, um dann einen gemeinsamen Grund zum Handeln abzugeben. Dennoch weisen Menschen, die von sich selbst und von anderen als Beduinen bezeichnet werden, einen gemeinsam geteilten Grundstock von Gedankengängen, Redens- und Handlungsweisen auf. Hier sollen nun einige der gängigsten Ansichten vorgestellt werden, die unter den Mzeina als deren Selbstbild kursieren, um sie mit einigen Ansichten von Arabern aus den benachbarten Agrargesellschaften Ägyptens und Palästinas sowie mit landläufigen Vorstellungen aus der bundesdeutschen Industriegesellschaft zu vergleichen.
Die Mzeina sehen sich selbst als die "echten" Araber (und Muslime) an, abstammend von den ersten Arabern der arabischen Halbinsel. Sie selbst bezeichnen sich als "arab" und glauben, daß sie wirklich den Islam leben.
Auch die Geringschätzung von Geld oder Gut gilt ihnen als Folge ihrer Wertschätzung von kommunitären oder religiösen Lebenseinstellungen: "Allahu akbar" - "Gott ist größer" - größer als alles von Menschen geschaffene. Es gibt zwar den einigenden Glauben, aber keine religiösen Spezialisten in Amt und Würden oder gar eine organisierte Kirche des Islam. Sie sehen sich gerne als reich an geistiger Freiheit und großzügig in gegenseitiger Hilfe an. Als beispielhaft dafür gilt ihnen ihre Gastfreundschaft gegenüber allen und jedem, deren Ausmaß relativ zu ihrem materiellen Lebensstandard die Gastfreundschaft anderswo im Nahen Osten wohl meist noch übertrifft: Wer auch immer die Zeltschnur eines Beduinen berührt, dem garantiert das Gastrecht mindestens drei Tage lang in jeder Hinsicht Unterkunft und Schutz, selbst wenn er schlimmstenfalls den Sohn des Gastgebers getötet haben sollte. Stammestraditionen stehen über Teilinteressen und so erleben sie sich als Gleiche unter Gleichen, wobei Ruf, Wort und Ehre des Einzelnen den Stamm in seiner Tradition fortleben lassen. Ein Beduine existiert nur im Stammesverband, innerhalb dessen er seine Persönlichkeit entfaltet.
Araber, die von Ackerbau oder Lohnarbeit leben erscheinen ihnen oft fremd und - insofern deren Handeln und Denken an Befehle und Hierarchien gebunden ist - als unehrenhaft. Der Bezugsrahmen der Familie ist ihnen ebenso geläufig wie Städtern, aber die Familie zählt nur als ein dem Stamm unterliegendes Segment, ebenso wie sie Geld als Tauschmittel kennen, die Geldwirtschaft aber als Selbstzweck ablehnen. Die Gebundenheit an die Scholle erscheint ihnen als das Ende der Freizügigkeit im Wohnen ebenso wie im Denken, Fühlen und Handeln. Daher locken sie fast nur solche Dinge aus Industriegesellschaft, die den Grad ihrer Beweglichkeit zu erhöhen versprechen: Automobile und Mobiltelefone.
Aus Stadt und Land stammende Araber vertreten oft ein widersprüchliches Bild von Beduinen: Einerseits werden sie bewundernd mit den Karawanen aus den Tagen des Propheten Mohammed in Verbindung gebracht und ihre Armut an Dingen erscheint edel als religiöse Reinheit, andererseits werden sie als wild, ungebildet und nach Kamelen stinkend gemieden.
Unbedarfte Touristen sehen in Beduinen meist das Rätsel, wie es ein Leben jenseits von Staat, Arbeit, Selbstverwirklichung im Konsum oder Kleinfamilie real geben könnte.
Daß dergleichen von Zeitgenossen hier und heute in Wirklichkeit gelebt wird, scheint so unerträglich, dass solche Gesellschaften meist entweder verklärt werden als Überbleibsel von edlen Wilden früherer Zeiten und entlegener Gegenden, oder aber aufgrund von Halbwissen und Detailüberhöhung als Primitive herabgewürdigt werden, die es zu belehren gilt.
Dort gibt es Vielweiberei und Frauenbeschneidung! Bis zu vier Gemahlinnen kann sich ein Mann wählen, doch nur wenn er es sich von seinem Ansehen und Wohlstand her leisten kann, weil alle vier die gleichen Rechte genießen. Davon dürften die Geliebten anderswo kaum träumen, zumal im Westen die Vielweiberei in Abfolge gang und gäbe ist: Zwar nicht gleichzeitig, sondern nacheinander und zudem bei größtmöglicher Unverbindlichkeit, reiht der Erfolgsmensch seine Partner als Beleg seines Erfolges auf. Die Aneinanderreihung einer Vielzahl von Lebensabschnittspartnern und dabei gewonnenen sexuellen Höhepunkten gelten in der Bilanz eines erfolgreichen Lebens als die geleistete Mühe der Eroberung und der Genuss, den man sich dann selbst leisten kann.
Wer sich fragt, ob an der Klitoris beschnittene Beduinenfrauen (entfernt wird bei Mzeina-Mädchen ein kleiner Teil der Spitze der Klitoris) überhaupt noch einen Orgasmus oder "joy of sex" haben können, beweist zwar das Bestreben zur Einfühlung und Fürsorge, muss sich aber auch darüber im klaren sein, dass er über Körper und Emotionen nur in naivem Stile und in den Gleisen einer mechanistischen Auffassung denkt. Sind Liebe oder Erotik immer und überall nur etwas, das sich zwecks Selbstverwirklichung erst beim Geschlechtsakt und dann unumgänglich in der Klitoris als Nervenzentrum rein biochemisch abspielt? Allein schon die Geschichte der Auffassungen übers Geschlechtsleben allgemein oder aber die Geschichte der Suche nach dem Sitz der Lust im weiblichen Körper im Besonderen gemahnt hier zu Zweifel und Zurückhaltung. Wenn für engagierte Feministinnen die Freiheit zur Persönlichkeitsentfaltung eben auch in den Freuden des Geschlechtslebens liegt, dann ist die nur solange eine altruistische Haltung, wie die mit Mitgefühl bedachten Frauen nicht zur Kategorie der Primitiven degradiert werden, die es wieder einmal zu belehren gilt.
Im vertrauten Kreis sprechen Mzeina-Beduinen auch frei heraus an, was ihnen im Umgang mit Reisenden heutzutage rätselhaft und bemerkenswert erscheint: Die Touristen kommen in Gruppen ohne Zusammenhalt, leben oftmals geschieden, schlimmer noch einsam und allein ohne erkennbare Familie. Die jüngeren Touristen paaren sich wild durcheinander und nur kurzfristig treulos im Strandurlaub. Die älteren verleben ihr Alter in Heimen ohne freundschaftliche oder gar verwandtschaftliche Bindung zu Pflegern oder Mitbewohnern.
Der Mangel an Zusammenhalt und dessen schaler Ersatz durch Geld hinterlassen zusammen mit dem Fehlen von religiösen Alltagsritualen bei den Beduinen den Eindruck, dass viele Touristen "Kuffar" - Gottlose - sein müssen. Weniger weil sie keine Muslime sind, sondern weil jeder sich selbst in den Nabel seiner Welt setzt und seinen Wünschen huldigt, ohne allzu viel Erfüllung zu erfahren. Allesamt sind sie zumindest reich und ungebunden genug, von Zuhause weg zum Vergnügen in den Sinai zu fliegen, aber dennoch sind sie häufig geizig, unzufrieden und vergrämt. Sie trinken Alkohol, neigen dann zu lauthals vorgetragenen Darbietung von "Gemütlichkeit" und verlieren leicht den Rest ihrer ohnehin knappen Geduld.
Wenn sie einmal den Plan gefasst haben irgendwo hin zu gehen, scheint es ihnen wichtiger, diesen Ort möglichst schnell zu erreichen, als den Weg dorthin so flexibel zu handhaben, dass man nebenher wie im Vorbeigehen etwa noch anderen einen Gefallen tut und selbst mehr Ruhe hat, die Reise schon unterwegs zu genießen. Was wundert es, wenn Beduinen vor allem einen deutschen Ausdruck kennen und zitieren können, den sie immer wieder hören. Es ist das Wort, mit dem Reiseleiter die aus dem Bus herausgeströmten Touristen nach dem hastigen Abphotographieren der Exoten am Wegesrand wieder zusammentrommeln: "Einsteigen!"

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