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Beduinen
Die Beduinen als Überbegriff für eine Gruppe von gleichförmigen Menschen gibt es
genau genommen nur als Denkschublade im Kopf des Betrachters. Es vereinfacht
das Denken, formt die Wahrnehmung und kann als Gemeinsamkeit heraufbeschworen
werden, um dann einen gemeinsamen Grund zum Handeln abzugeben. Dennoch weisen
Menschen, die von sich selbst und von anderen als Beduinen bezeichnet werden,
einen gemeinsam geteilten Grundstock von Gedankengängen, Redens- und
Handlungsweisen auf. Hier sollen nun einige der gängigsten Ansichten
vorgestellt werden, die unter den Mzeina als deren Selbstbild kursieren, um
sie mit einigen Ansichten von Arabern aus den benachbarten Agrargesellschaften
Ägyptens und Palästinas sowie mit landläufigen Vorstellungen
aus der bundesdeutschen Industriegesellschaft zu vergleichen.
Die Mzeina sehen sich selbst als die "echten" Araber (und Muslime) an, abstammend von den
ersten Arabern der arabischen Halbinsel. Sie selbst bezeichnen sich als
"arab" und glauben, daß sie wirklich den Islam leben.
Auch die Geringschätzung von Geld oder Gut gilt ihnen als Folge ihrer
Wertschätzung von kommunitären oder religiösen
Lebenseinstellungen: "Allahu akbar" - "Gott ist
größer" - größer als alles von Menschen
geschaffene. Es gibt zwar den einigenden Glauben, aber keine religiösen
Spezialisten in Amt und Würden oder gar eine organisierte Kirche des
Islam. Sie sehen sich gerne als reich an geistiger Freiheit und
großzügig in gegenseitiger Hilfe an. Als beispielhaft dafür
gilt ihnen ihre Gastfreundschaft gegenüber allen und jedem, deren
Ausmaß relativ zu ihrem materiellen Lebensstandard die Gastfreundschaft
anderswo im Nahen Osten wohl meist noch übertrifft: Wer auch immer die
Zeltschnur eines Beduinen berührt, dem garantiert das Gastrecht
mindestens drei Tage lang in jeder Hinsicht Unterkunft und Schutz, selbst wenn
er schlimmstenfalls den Sohn des Gastgebers getötet haben sollte.
Stammestraditionen stehen über Teilinteressen und so erleben sie sich als
Gleiche unter Gleichen, wobei Ruf, Wort und Ehre des Einzelnen den Stamm in
seiner Tradition fortleben lassen. Ein Beduine existiert nur im
Stammesverband, innerhalb dessen er seine Persönlichkeit entfaltet.
Araber, die von Ackerbau oder Lohnarbeit leben erscheinen ihnen oft fremd und - insofern deren Handeln
und Denken an Befehle und Hierarchien gebunden ist - als unehrenhaft. Der
Bezugsrahmen der Familie ist ihnen ebenso geläufig wie Städtern,
aber die Familie zählt nur als ein dem Stamm unterliegendes Segment,
ebenso wie sie Geld als Tauschmittel kennen, die Geldwirtschaft aber als
Selbstzweck ablehnen. Die Gebundenheit an die Scholle erscheint ihnen als das
Ende der Freizügigkeit im Wohnen ebenso wie im Denken, Fühlen und
Handeln. Daher locken sie fast nur solche Dinge aus Industriegesellschaft, die
den Grad ihrer Beweglichkeit zu erhöhen versprechen: Automobile und
Mobiltelefone.
Aus Stadt und Land stammende Araber vertreten oft ein widersprüchliches Bild von Beduinen:
Einerseits werden sie bewundernd mit den Karawanen aus den Tagen des Propheten
Mohammed in Verbindung gebracht und ihre Armut an Dingen erscheint edel als
religiöse Reinheit, andererseits werden sie als wild, ungebildet und nach
Kamelen stinkend gemieden.
Unbedarfte Touristen sehen in Beduinen meist das Rätsel, wie es ein Leben jenseits von Staat,
Arbeit, Selbstverwirklichung im Konsum oder Kleinfamilie real geben könnte.
Daß dergleichen von Zeitgenossen hier und heute in Wirklichkeit gelebt wird, scheint so
unerträglich, dass solche Gesellschaften meist entweder verklärt
werden als Überbleibsel von edlen Wilden früherer Zeiten und
entlegener Gegenden, oder aber aufgrund von Halbwissen und
Detailüberhöhung als Primitive herabgewürdigt werden, die es zu
belehren gilt.
Dort gibt es Vielweiberei und Frauenbeschneidung! Bis zu vier Gemahlinnen kann sich ein
Mann wählen, doch nur wenn er es sich von seinem Ansehen und Wohlstand
her leisten kann, weil alle vier die gleichen Rechte genießen. Davon
dürften die Geliebten anderswo kaum träumen, zumal im Westen die
Vielweiberei in Abfolge gang und gäbe ist: Zwar nicht gleichzeitig,
sondern nacheinander und zudem bei größtmöglicher
Unverbindlichkeit, reiht der Erfolgsmensch seine Partner als Beleg seines
Erfolges auf. Die Aneinanderreihung einer Vielzahl von
Lebensabschnittspartnern und dabei gewonnenen sexuellen Höhepunkten
gelten in der Bilanz eines erfolgreichen Lebens als die geleistete Mühe
der Eroberung und der Genuss, den man sich dann selbst leisten kann.
Wer sich fragt, ob an der Klitoris beschnittene Beduinenfrauen (entfernt wird bei
Mzeina-Mädchen ein kleiner Teil der Spitze der Klitoris) überhaupt
noch einen Orgasmus oder "joy of sex" haben können, beweist
zwar das Bestreben zur Einfühlung und Fürsorge, muss sich aber auch
darüber im klaren sein, dass er über Körper und Emotionen nur
in naivem Stile und in den Gleisen einer mechanistischen Auffassung denkt.
Sind Liebe oder Erotik immer und überall nur etwas, das sich zwecks
Selbstverwirklichung erst beim Geschlechtsakt und dann unumgänglich in
der Klitoris als Nervenzentrum rein biochemisch abspielt? Allein schon die
Geschichte der Auffassungen übers Geschlechtsleben allgemein oder aber
die Geschichte der Suche nach dem Sitz der Lust im weiblichen Körper im
Besonderen gemahnt hier zu Zweifel und Zurückhaltung. Wenn für
engagierte Feministinnen die Freiheit zur Persönlichkeitsentfaltung eben
auch in den Freuden des Geschlechtslebens liegt, dann ist die nur solange eine
altruistische Haltung, wie die mit Mitgefühl bedachten Frauen nicht zur
Kategorie der Primitiven degradiert werden, die es wieder einmal zu belehren
gilt.
Im vertrauten Kreis sprechen Mzeina-Beduinen auch frei heraus an, was ihnen im Umgang mit
Reisenden heutzutage rätselhaft und bemerkenswert erscheint: Die
Touristen kommen in Gruppen ohne Zusammenhalt, leben oftmals geschieden,
schlimmer noch einsam und allein ohne erkennbare Familie. Die jüngeren
Touristen paaren sich wild durcheinander und nur kurzfristig treulos im
Strandurlaub. Die älteren verleben ihr Alter in Heimen ohne
freundschaftliche oder gar verwandtschaftliche Bindung zu Pflegern oder
Mitbewohnern.
Der Mangel an Zusammenhalt und dessen schaler Ersatz durch Geld hinterlassen zusammen mit
dem Fehlen von religiösen Alltagsritualen bei den Beduinen den Eindruck,
dass viele Touristen "Kuffar" - Gottlose - sein müssen. Weniger
weil sie keine Muslime sind, sondern weil jeder sich selbst in den Nabel
seiner Welt setzt und seinen Wünschen huldigt, ohne allzu viel
Erfüllung zu erfahren. Allesamt sind sie zumindest reich und ungebunden
genug, von Zuhause weg zum Vergnügen in den Sinai zu fliegen, aber
dennoch sind sie häufig geizig, unzufrieden und vergrämt. Sie
trinken Alkohol, neigen dann zu lauthals vorgetragenen Darbietung von
"Gemütlichkeit" und verlieren leicht den Rest ihrer ohnehin
knappen Geduld.
Wenn sie einmal den Plan gefasst haben irgendwo hin zu gehen, scheint es ihnen wichtiger, diesen Ort
möglichst schnell zu erreichen, als den Weg dorthin so flexibel zu
handhaben, dass man nebenher wie im Vorbeigehen etwa noch anderen einen
Gefallen tut und selbst mehr Ruhe hat, die Reise schon unterwegs zu
genießen. Was wundert es, wenn Beduinen vor allem einen deutschen
Ausdruck kennen und zitieren können, den sie immer wieder hören. Es
ist das Wort, mit dem Reiseleiter die aus dem Bus herausgeströmten
Touristen nach dem hastigen Abphotographieren der Exoten am Wegesrand wieder
zusammentrommeln: "Einsteigen!"
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