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Beduinen hatten traditionellerweise
wenige materielle Güter, weil diese sie auf ihren Migrationsrouten nur
behindert hätten. Der wichtigste Gegenstand im Haushalt einer Beduinenfamilie
war ihr bewegliches Haus: das Zelt. In diesem Kapitel geht es um Beduinenhäuser
und einige andere Gegenstände ihrer materiellen Kultur. Ein Schwerpunkt
liegt auf deren symbolischer Bedeutung.

Inhalt: Beduinische Häuser
/ Lebensunterhalt / Medizin / Woran erkennt man eigentlich einen Beduinen?
Beduinische Häuser
Das typische Beduinenhaus
ist gewiß das schwarze Zelt, das aus gewebten Ziegenhaarplanen besteht.
Auf arabisch heißt es "bet sha'ar", Haarhaus. Heute sieht man die schwarzen
Zelte im Sinai nicht mehr sehr häufig, obwohl sie ausgesprochen praktisch
sind: Sie sind wasserfest, winddicht, aber dennoch klimatisierbar und
in der Raumaufteilung leicht umzubauen. Das traditionelle Haarhaus ist
von einer dichten Symbolik durchdrungen. Die einzelnen Teile des Zeltes
werden in Analogie zum menschlichen Körper bezeichnet: Der Eingang,
die Frontseite ist das "Gesicht", das Dach der "Rücken", die Stützseile
"Hände" und "Füße". Die Feuerstelle ist das Herzstück des Zelthauses,
weil sie Ort der Kommunikation und des Geschichtenerzählens ist. Die
Geschichten tradieren Stammeswissen und sind daher Bindeglied zwischen
den Generationen. Die mittlere Zeltstange symbolisiert die Verbindung
mit dem Kosmos. Gebärende umklammerten sie in früheren Tagen, wenn die
Wehen einsetzen. Das Haus und seine unmittelbare Umgebung gilt den Beduinen
als heilig und unantastbar. Verfolgten gewährt es uneingeschränkten
Schutz. Wichtigstes Ritual im Gästezelt ist das Trinken des traditionellen
Kaffees. Das Kaffeetrinken garantiert dem Gast das Gastrecht, verpflichtet
ihn aber auch, den Gastgeber im Notfall zu verteidigen. Das Zelt des
Scheichs fungiert auch als Versammlungsraum in juristischen und politischen
Angelegenheiten. Vor allem aber erlaubt das Zelt seinen Bewohnern absolute
Mobilität. Man kann es einfach abbauen, auf's Kamel oder auf die Ladefläche
des Pick-up-Jeeps packen und an einem anderen Ort wieder aufbauen.
Mit Häusern aus Stein
und Beton ist all das nicht möglich. Dennoch wohnen die meisten Sinai-beduinen,
die an die Küste gezogen sind, aber auch viele in den Dörfern im Landesinneren
in solchen modernen Häusern. In ihnen ist die Luft oft stickig und im
Sommer unertäglich heiß und des nachts voller Mücken (Literatur, Bücher,
Alafenisch: "Das versteinerte Zelt"). Daher erhält auch der Innenhof
besondere Bedeutung. In ihm findet das Leben eigentlich statt. Die Räume
des Hauses (neben Küche und Bad) dienen meist nur zur Aufbewahrung von
Gegenständen, Kleidern, Polstern und Kissen usw. Das Beisammensitzen
aber findet meist draußen im Hof statt, nicht in den Räumen des Hauses.
Daher ist auch meist ein Teil des Hofes überdacht. Wer sich kein Steinhaus
leisten kann, aber auch kein Zelt mehr hat oder haben will, der baut
sich sein Häuschen einfach aus Preßspanholzplatten, Wellblech, aufgeschlagenen
Tonnen und anderen Materialien, die man billig bekommen kann. An der
Küste, z.B. im Naturpark Abu Galum, bauen manche Familien ihr Haus aus
pflanzlichem Material, wie z.B. Palmblättern.
In Israel kommt dem Haus
in seiner gesamten Symbolik eine besondere Bedeutung zu. Dort bleiben
viele Beduinen, die gerne ein festes Haus hätten, in Zelten auf ihrem
Land wohnen. Sie wollen es nicht verlassen und in die von Israel speziell
für Beduinen gebauten Städte ziehen, weil sie fürchten, ihr Land dann
für immer zu verlieren. Der Landbesitz wird nämlich meist von Israel
nicht anerkannt und daher gilt es von Staats wegen als illegal, dort
zu bauen. Die Lösung: Man modernisiert sein Zelt und bleibt da. Die
modernen Beduinenzelte in Israel haben festgestampften Boden und in
den Wänden befinden sich Fenster und Türen. Die Zelte versorgen sich
über ein Stromaggregat. Ein Fernseher darf nicht fehlen, häufig sieht
man neben dem Zelt auch eine Satellitenschüssel. Ein Handy ersetzt die
ohnehin nicht vorhandenen Telephonbuchse. Ohne an jedwedes Netz (Straßen-,
Wasser-, Strom-, Telephonnetz) angebunden zu sein, bilden diese Zelte
autonome, voll funktionsfähige Haushalte. (Mittlerer Osten)
(Beduinenrechte)
Lebensunterhalt
Der Lebensunterhalt heißt
auf arabisch rizq. Der Rizq ist der Besitz, das Vermögen, bedeutet aber
auch: Wohltat von Gott. Der Rizq ist also nicht vorhersagbar, sondern
hängt auch vom Willen Gottes ab. Unser deutsches Wort "Risiko" leitet
sich wahrscheinlich davon ab.
In früheren Zeiten haben die Beduinen
stärker als heutzutage von der Viehzucht gelebt: Ziegen, Schafe, aber
auch Kamele. Die Frauen waren Meisterinnen der Milchverarbeitung und
stellten alle möglichen Verarbeitungsformen von Butter, Sauermilch und
Käse her, die zum Teil auch monatelang ungekühlt haltbar waren. Datteln
waren eine weitere wichtige Ernährungsgrundlage und sind es natürlich
bis heute. Die jungen Mädchen lernen heutzutage die Milchverarbeitung
nicht mehr. Viele Familien haben gar keine Schafe und Ziegen mehr und
zudem kauft man nun eben auch im "suber market" ein. So ein Markt entspricht
in etwa dem, was wir unter "Tante-Emma-Laden" verstehen.
Immer schon
haben die Beduinen in ihrer Mischwirtschaft auch Gartenbau betrieben.
Neben der Dattelpalme wachsen im Sinai auch Granatäpfel, Limonen, Guaven,
Trauben, Zuckerrohr, Tabak und vieles mehr. Absolute Meister im
Gartenbau waren die Jabaliya-Beduinen in der Bergen um das Katharinenkloster
und den Mosesberg (Bücher: Hobbs). Heute arbeiten aber viele Männer
im Bereich Tourismus und ihre Gärten verfallen. Die Beduinenmänner machen
sich im allgemeinen eher kurzfristig auf die Suche nach Lebensunterhalt.
Wenige stehen in einem festen, dauerhaften Beschäftigungsverhältnis.
Die Mzaina im Südsinai arbeiten als Fischer, als Händler, bieten Autoreperaturen
an usw. Meinen Beobachtungen zufolge sind diese Leute sehr flexibel
und arbeiten oft heute dies und morgen jenes.
Seit etwa dreißig Jahren
ist der Homo Touristicus ein wichtiger Arbeitgeber geworden. Seit jeher
haben Beduinen Fremde, die in ihr Land kamen, gegen Bezahlung durch
die Wüste ihres Stammesgebiet begleitet. Insofern ist der Tourismus
und die Wüstentour-Euphorie unserer Zeit für sie kein gänzlich neues
Phänomen. Was sich aber durchaus geändert hat, ist die Zahl der Fremden
(Hundertausende pro Jahr) und ihr Verhalten, sowie ihre Beweggründe.
Fast alle Touristen wohnen in den Hotelanlagen in Sharm el-Sheikh, Dahab
und Nuweba an der Ostküste (s. Karte). Die meisten kommen zum Schwimmen,
Schnorcheln und Tauchen - zählen doch die Korallenriffe des Sinai zu
den schönsten der Welt. Die Hotels werden etwa seit den 60 er Jahren
gebaut und sie stehen allesamt auf Land, das die verschiedenen Beduinenstämme
oder einzelne Beduinen als ihr eigenes betrachten, bzw. betrachtet haben,
bevor es ihnen von den großen Konzernen und Investoren abgeluchst wurde.
Die gesamte Küste ist dem "Bösen Blick" dieser Geldhaie ausgesetzt und
längst tobt zwischen ihnen und den Beduinen eine erbitterte und mit
ungleichen Mitteln geschlagene Schlacht um jeden Meter Strandboden.
Meistens sitzen die ägyptischen Regierungsvertreter der Tourismusbehörden
und Hotelinvestoren jedoch am längeren Hebel und setzen ihre Rechtsauffassung
mit allen Mitteln der Staatsgewalt durch.
Der Tourismus bietet viele
Arbeitsmöglichkeiten: Einige Männer arbeiten als Taxi-, Minibus- und
Jeepfahrer oder als Fremdenführer. Manche eröffnen ein Café oder Touristencamp
an der Küste. Sie verkaufen Schmuck, Tücher und Kristallsteine an Touristen.
Auch die Frauen und Kinder tragen etwas zur Haushaltskasse bei. Unterhaltspflichtig
ist zwar der Mann, auch vom islamischen Standpunkt her, aber oft reicht
das Geld nur knapp. Die Frauen und Kinder verkaufen daher auch Schmuck
und Steine oder aber Tee an vorbeikommende Touristen. Manche Buben verkaufen
Eis oder arbeiten als Kamelführer.
Medizin
Wenn die Beduinen
krank werden, fahren sie oft zweigleisig: Meist versuchen sie sich zunächst
in der traditionellen Medizin. Wenn diese nicht hilft, gehen sie zu
einem der ägyptischen (d.h. nach westlicher Medizin ausgebildeten) Ärzte.
Wenn der auch nicht hilft, kehren sie wieder zu traditionellen Heilmethoden
zurück.
Die traditionellen Heilmethoden bestehen in erster Linie in
Aufgüssen aus verschiedenen Kräutern, die in der Wüste wachsen und im
kayy, einer Art der Kauterisation. Gegen kleinere Leiden helfen Kräuter,
die leicht zu finden sind und die fast jeder kennt. Ein Großteil der
spezielleren Heilpflanzen wächst im Hochgebirge um das Katharinenkloster
und der dort ansäßige Beduine Hajj Ahmad ist gewiß der Spezialist dafür.
Er verkauft seine Kräuter in Santa Katharina auch an Touristen (bei
den Ständen vor dem Eingang ins Klosterareal).
Was die Kauterisation
betrifft, so gibt es natürlich auch dafür Spezialisten. Ein langes Eisenstück
(ein Nagel o.ä.) wird an der Spitze im Feuer erhitzt. Dann werden bestimmte
Körperpartien kurz gebrannt. Die meisten Beduinen schwören darauf und
zeigen auch gern ihre Brandmale am Körper.
Weitere Heilmethoden sind
Massagen, sowie Streichen über den Körper mit Salz in der Faust. Gegen
Schlangenbisse und Skorpionstiche hilft der hawi. Die hawi sind Männer,
die im Besitz eines besonderen Segens sind und die angeblich mit ihrem
Speichel das Gift dieser Tiere in der Bißwunde neutralisieren können.
Es gibt noch viele Wege, die Beduinen und Beduininnen gehen, wenn sie
mit Krankheit oder auch Unfruchtbarkeit geschlagen sind. Man kann beispielsweise
zum Grab eines Scheichs pilgern und dort nächtigen, ein Schaf schächten
und/oder ein Gelübde ablegen. Auch gibt es viele Formen der Behandlung
mit Dämpfen und Rauch verbrannter Pflanzen.
Ein Grund für Krankheit
kann sein, von einem Bösen Blick getroffen worden zu sein. Deshalb schützen
sich die Beduinen mit Amuletten präventiv vor ihm. Der Böse Blick, so
glaubt man, geht von unzufriedenen, neidischen Menschen aus und trifft
das Schöne und Junge. Sein Schaden ist Krankheit, Verletzung, Unfall
oder gar Tod. Er kann aber auch soziale Störungen hervorrufen, z.B.
Abneigung und Streit.
Die Erfahrungen der Beduinen
mit westlicher Medizin waren besser, als noch die Israelis den Sinai
besatzt hatten. Immer wieder loben sie die Fähigkeiten israelischer
Ärzte. Die ägyptischen Ärzte jedoch haben es noch nicht geschafft, sich
wirkliches Vertrauen von Seiten der Beduinen, zumindest der Mzaina zu
erwerben. Vielmehr sehen diese im Gang ins Krankenhaus die allerletzte
Hoffnung, wenn andere Methoden versagt haben. Man käme aber meist noch
kränker heraus, als man hinein gegangen ist, haben mir viele Beduinen
immer wieder gesagt und schlimmer noch: verdächtig viele Beduinen sind
nach einem Gang zum Arzt gestorben... Viele junge Frauen gehen heute
allerdings zum Gebären ins Krankenhaus.
Ihre Ziegen, Schafe und
Kamele heilen die Beduinen in erster Linie mit Kräuterkunde und Kauterisation.

Woran erkennt man eigentlich
einen Beduinen?
Wer zum ersten Mal in
den Sinai kommt, erkennt die Beduinenmänner im allgemeinen einfach daran,
daß sie so aussehen, wie man sich in Deutschland einen typischen Ölscheich
vorstellt: Die meisten Beduinenmänner im Südsinai tragen das thob, ein
langes Gewand, das ähnlich aussieht wie ein europäisches Männerhemd
mit dem Unterschied, daß es bis zum Boden reicht. Meistens sind die
Hemden weiß, oder - das ist die neueste Mode - zartlila schimmernd,
es gibt aber auch grüne, braune o.a. Varianten. Oft tragen die Beduinen
über dem Hemd ein Jackett europäischen Zuschnitts. Auf dem Kopf tragen
sie ein Tuch, meist in weiß (oder ebenfalls zartlila). Es ist zum Dreieck
gefaltet und wird normalerweise durch einen schwarzen Ring auf dem Kopf
festgehalten. Man sieht aber auch weiß-rot gemusterte Tücher, die bei
uns als "Palästinensertücher" bekannt wurden.
Die Beduinenfrauen laufen
in den Städten oft eigene Wege, abseits der Hauptstraßen, daher sieht
man sie als Tourist nicht sehr häufig. Sie tragen bunte, lange Kleider
und auf dem Kopf schwarze Schleier, welche das Haar und den unteren
Teil des Gesichtes verhüllen und darüber einen dünnen, schwarzen Mantel
wie die Frauen in Saudiarabien und am persischen Golf. Anders die ägyptischen
Frauen: die meisten unter ihnen tragen ein weißes Kopftuch, das aber
das Gesicht nicht bedeckt. Viele der Beduinenmänner, die an der Küste
oder als Tourbegleiter arbeiten, tragen heute Jeans und T-Shirt - zumindest
während der Arbeit.

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