>> Ethnologie
Texte von Harald Sorg, Ethnologe

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Was ist Ethnologie ?

Die Ethnologie ist heute in der BRD eine Geisteswissenschaft, die sich methodisch und inhaltlich mit dem Verstehen und Darstellen von fremden Gesellschaften befasst.
Die hiesige Ethnologie ist gewissermaßen ein emanzipierter Enkel der Völkerkunde, welche in den Tagen des Kolonialismus zur Rechtfertigung der damaligen Weltanschauung des Rassismus in wissenschaftlichem Namen gegründet wurde. Doch aus dem Anliegen, wie Kolonialreiche am effektivsten in Ausbeutung und Knechtschaft zu halten seien, wurde heute die Grundfrage, wie Fremdverstehen über soziale und kulturelle Unterschiede hinweg wissenschaftlich möglich ist. In den USA wird dies als cultural anthropology oft schon in der Schule angeboten, in Großbritannien wird das gleiche unter dem Namen social anthropology betrieben.
Ethnologen beschäftigen sich empirisch mit Sozialstrukturen und Kulturkonstruktionen von ihnen zunächst fremden Völkern, oder anders ausgedrückt: Menschen, Gruppen und Gesellschaften werden von Ethnologen dadurch untersucht, dass ein Feldforscher für ein Jahr oder länger mit Fremden zusammen deren Alltag teilt und versucht, als einer von ihnen deren Welt von innen heraus nachzuvollziehen und in ethnographischen Büchern darzustellen. In den letzten hundert Jahren haben sich dabei im Westen bestimmte Geisteshaltungen in der Auseinandersetzung mit dem Fremden herauskristallisiert, die im Fach als allgemein anerkannt gelten können und als eine systematische Ethnomethodik des Fremdverstehens bilden.
Der Grundansatz des Kulturrelativismus, laut dem alle vorgefundenen Gesellschaftsformen als gleichwertig gelten, verneint den anderswo noch anzutreffenden Ansatz, "wir" wären die Zivilisierten und müssten die "anderen" als "Wilde" nach unserem Bild mehr oder weniger gewaltsam umerziehen. Die Fremden sollen nicht mehr nur wie ein Spiegelbild des eigenen dienen, an dem die eigene Fortschrittlichkeit immerzu entweder als glorreich oder aber als ruinös erscheint. Die Gesellschaftskritik an anderen oder eigenen soziokulturellen Erscheinungen wird jenseits davon möglich, wenn die inneren Wirkungszusammenhänge einer Gesellschaft im Ganzen in Betracht gezogen werden. Erst damit lässt sich weitgehend vermeiden, dass schlagende Eindrücke zu Ungunsten von Alltäglichkeiten übergewichtet werden und mit dieser Detailüberhöhungen die immer gleichen Stereotypen wiedergekäut werden. Das Fremderleben ist nicht immer, überall und für jeden genau gleich; es ist also nicht objektiv, neutral oder wertfrei "wie aus dem Weltraum besehen".
Dennoch ist eine ethnologische Feldforschung nicht rein persönlich, subjektiv und in ihren Aussagen unübertragbar "wie eine Urlaubsbegegnung mit Fremden" es vielleicht sein mag. Vielmehr versucht ein Ethnologe, die Bandbreite an Dingen, Ideen und Sachverhalten in einer ihm fremden Gesellschaft festzuhalten, welche den Ablauf des sozialen Zusammenlebens im Rahmen einer kulturell geprägten Erlebniswelt vorformen. Das wird als "intersubjektiv" bezeichnet und geht übers persönliche hinaus, ohne sich dabei in der Vorstellung einer alleingültigen "objektiven Wahrheit" zu verirren.
Im Idealfall sucht ein ethnologischer Feldforscher vor Ort "im Feld" bei der Untersuchung einheimische Gewährsleute, die ihm in gleichberechtigten Zwiegesprächen helfen, die sozial und kulturell fremde Umgebung zu verstehen. Der ganze Werdegang einer solchen Untersuchung verschweigt aber anschließend in der schriftlichen Veröffentlichung nicht, wie die gewonnenen Einsichten zu Stande gekommen sind, sonder macht genau dies mit zum Gegenstand der Fremddarstellung. Damit werden solche Darstellungen für die Leserschaft auch hinsichtlich ihrer Entstehung durchsichtiger gemacht und die Ethnologie ist somit eine Wissenschaft, die beim Blick auf den Fremden auch ihre eigene, eingeschränkte Sichtweise nicht aus dem Blick verliert.
Ethnologie ist unserem Verständnis nach ein zu kostbares Wissen um das sozialen Leben von Menschen mit den unterschiedlichsten Kulturprägungen, um nur in Akademien allein zu kursieren. Daher hoffen wir zum Beispiel auch mit dieser Schrift in der breiten deutschen Öffentlichkeit für eine engagierte, postmoderne Ethnologie um Aufmerksamkeit zu werben.

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