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Was ist Ethnologie ?
Die Ethnologie ist heute in der BRD eine Geisteswissenschaft, die sich methodisch und inhaltlich
mit dem Verstehen und Darstellen von fremden Gesellschaften befasst.
Die hiesige Ethnologie ist gewissermaßen ein emanzipierter Enkel der
Völkerkunde, welche in den Tagen des Kolonialismus zur Rechtfertigung der
damaligen Weltanschauung des Rassismus in wissenschaftlichem Namen
gegründet wurde. Doch aus dem Anliegen, wie Kolonialreiche am
effektivsten in Ausbeutung und Knechtschaft zu halten seien, wurde heute die
Grundfrage, wie Fremdverstehen über soziale und kulturelle Unterschiede
hinweg wissenschaftlich möglich ist. In den USA wird dies als cultural
anthropology oft schon in der Schule angeboten, in Großbritannien wird
das gleiche unter dem Namen social anthropology betrieben.
Ethnologen beschäftigen sich empirisch mit Sozialstrukturen und Kulturkonstruktionen
von ihnen zunächst fremden Völkern, oder anders ausgedrückt:
Menschen, Gruppen und Gesellschaften werden von Ethnologen dadurch untersucht,
dass ein Feldforscher für ein Jahr oder länger mit Fremden zusammen
deren Alltag teilt und versucht, als einer von ihnen deren Welt von innen
heraus nachzuvollziehen und in ethnographischen Büchern darzustellen. In
den letzten hundert Jahren haben sich dabei im Westen bestimmte
Geisteshaltungen in der Auseinandersetzung mit dem Fremden
herauskristallisiert, die im Fach als allgemein anerkannt gelten können
und als eine systematische Ethnomethodik des Fremdverstehens bilden.
Der Grundansatz des Kulturrelativismus, laut dem alle vorgefundenen Gesellschaftsformen als
gleichwertig gelten, verneint den anderswo noch anzutreffenden Ansatz,
"wir" wären die Zivilisierten und müssten die
"anderen" als "Wilde" nach unserem Bild mehr oder weniger
gewaltsam umerziehen. Die Fremden sollen nicht mehr nur wie ein Spiegelbild
des eigenen dienen, an dem die eigene Fortschrittlichkeit immerzu entweder als
glorreich oder aber als ruinös erscheint. Die Gesellschaftskritik an
anderen oder eigenen soziokulturellen Erscheinungen wird jenseits davon
möglich, wenn die inneren Wirkungszusammenhänge einer Gesellschaft
im Ganzen in Betracht gezogen werden. Erst damit lässt sich weitgehend
vermeiden, dass schlagende Eindrücke zu Ungunsten von
Alltäglichkeiten übergewichtet werden und mit dieser
Detailüberhöhungen die immer gleichen Stereotypen wiedergekäut
werden. Das Fremderleben ist nicht immer, überall und für jeden
genau gleich; es ist also nicht objektiv, neutral oder wertfrei "wie aus
dem Weltraum besehen".
Dennoch ist eine ethnologische Feldforschung nicht rein persönlich, subjektiv und in ihren
Aussagen unübertragbar "wie eine Urlaubsbegegnung mit Fremden"
es vielleicht sein mag. Vielmehr versucht ein Ethnologe, die Bandbreite an
Dingen, Ideen und Sachverhalten in einer ihm fremden Gesellschaft
festzuhalten, welche den Ablauf des sozialen Zusammenlebens im Rahmen einer
kulturell geprägten Erlebniswelt vorformen. Das wird als
"intersubjektiv" bezeichnet und geht übers persönliche
hinaus, ohne sich dabei in der Vorstellung einer alleingültigen
"objektiven Wahrheit" zu verirren.
Im Idealfall sucht ein
ethnologischer Feldforscher vor Ort "im Feld" bei der Untersuchung
einheimische Gewährsleute, die ihm in gleichberechtigten Zwiegesprächen helfen,
die sozial und kulturell fremde Umgebung
zu verstehen. Der ganze Werdegang einer solchen Untersuchung verschweigt aber
anschließend in der schriftlichen Veröffentlichung nicht, wie die
gewonnenen Einsichten zu Stande gekommen sind, sonder macht genau dies mit zum
Gegenstand der Fremddarstellung. Damit werden solche Darstellungen für
die Leserschaft auch hinsichtlich ihrer Entstehung durchsichtiger gemacht und
die Ethnologie ist somit eine Wissenschaft, die beim Blick auf den Fremden
auch ihre eigene, eingeschränkte Sichtweise nicht aus dem Blick verliert.
Ethnologie ist unserem Verständnis nach ein zu kostbares Wissen um das sozialen Leben
von Menschen mit den unterschiedlichsten Kulturprägungen, um nur in
Akademien allein zu kursieren. Daher hoffen wir zum Beispiel auch mit dieser
Schrift in der breiten deutschen Öffentlichkeit für eine engagierte,
postmoderne Ethnologie um Aufmerksamkeit zu werben.
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