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In diesem Kapitel geht
es um die Herkunft der Mzaina, um ihren Broterwerb in vergangenen Tagen
und heute, um den Konflikt des Stammes mit dem ihn umgebenden Staat
und um das Verhältnis zwischen Mzainamännern und -frauen.

Die Mzaina sind einer
der etwa 20 Beduinenstämme des Sinai. Gemeinsam mit einigen anderen
Stämmen des Südsinai bilden sie den Verband der Tawara. Sie betrachten
sich als die echten, ursprünglichen Araber, die ihren Ursprung auf der
arabischen Halbinsel haben und bezeichnen sich selbst als "arab".
Die Mzaina erzählen, daß
sie ursprünglich einem größeren Stamm in Saudiarabien zugehörten. Über
einen Teil des Stammes kam Blutschuld. Um der Blutrache, die ja ganze
Familien betreffen kann, zu entgehen, beschloß dieser Teil des Stammes,
wegzugehen. Sieben Zelte sollen es gewesen sein, die sich damals abgespalten
haben und eigene Wege gingen. Das geschah vor etwa 400 Jahren. Ein Teil
der Flüchtigen zog nach Nordafrika, ein Teil ging in den Sinai.
Dort wollten die Mzaina
sich ansiedeln, stießen aber auf den Widerstand der bereits dort wohnenden
Sawalha. Die Mzaina verbündeten sich daraufhin mit dem Stamm der Alegat
- mit dem sie bis heute verbündet geblieben sind - und kämpften gegen
die Sawalha. Sie gewannen und sie durften im Sinai bleiben.
Heute besiedeln die Mzaina
die ganze Südspitze des Sinai, von der Linie El-Tur - Nuwebaa abwärts
Richtung Süden. In der Gegend um das Katharinenkloster wohnen jedoch
andere Stämme, insbesondere die Jabaliya-Beduinen, welche wiederum eine
gänzlich andere, sehr eigentümliche Geschichte haben.
Es soll etwa 5000 Mzaina
geben, aber so genau weiß das niemand. In vergangenen Zeiten lebten
viele Mzaina von der Schafs- und Ziegenzucht. Dies allein jedoch genügte
nicht und so betrieb man zusätzlich etwas Gartenbau (v.a. Dattelpalmen).
Ein weiteres, wichtiges Zubrot brachte der Verkauf von Holzkohle, die
u.a. von Ginsterbüschen gewonnen wurde, nach Festlandägypten. Außerdem
betrieb man Fischfang im Roten Meer. Noch eine Erwerbsmöglichkeit gab
es für die Beduinenmänner: Sie stellten Kamele zur Verfügung und führten
Fremde durch ihr Stammesgebiet.
Viele Männer gingen schon
in osmanischer Zeit auf die Suche nach Lohnarbeit. Der Bau des Suezkanals,
Schiffsbau und Bergbau boten den Beduinen damals Arbeitsmöglichkeiten.
Zu dieser Zeit blühte auch der Schmuggel , der vielen Beduinenfamilien
ein Einkommen ermöglichte. Die Männer gingen meist für einen längeren
Zeitraum fort, während die Frauen und Kinder zu Hause blieben. Um Grundnahrungsmittel
und verschiedene Gebrauchsgegenstände zu kaufen, ritten die Männer oft
tagelang auf dem Kamel in weit entfernte Städte, z.B. nach Palästina.
Manche gingen die Strecke sogar zu Fuß. Weil die politische Situation
immer instabil war und jederzeit ein Krieg oder eine Krise ausbrechen
konnte, legten sich die Beduinen an geheimen Orten in der Wüste Vorräte
mit haltbaren Lebensmitteln an, in erster Linie Getreide. Auf diese
konnten sie zurückgreifen, wenn es keine Arbeit gab oder wenn Krieg
ausbrach.
Auch nach dem Zusammenbruch
des osmanischen Reiches gab es unterschiedliche Möglichkeiten der Lohnarbeit,
v.a. während der Zeit der israelischen Besatzung (1967-1982)
Während dieser Zeit gingen
einige Männer nach Israel, um dort in den Städten oder in den Plantagen
zu arbeiten, manche gingen bis nach Tel Aviv. Sie kehrten aber immer
wieder zu ihren Familien zurück. Außerdem achteten sie darauf, auf den
großen Pilgerfesten ihres Stammes zu erscheinen, um ihrer ungebrochenen
Solidarität mit der Stammesgemeinschaft Ausdruck zu verleihen. Zusätzlich
zu ihrem eigenen Verdienst erhielten die Beduinen staatliche Zuwendung
in Form von kostenlosen Lebensmitteln (Mehl, Zucker, Öl, Reis). Immer
stärker wurde im Laufe der Zeit der Konflikt zwischen den Beduinen als
Stammesgemeinschaften und der staatlichen Regierung, arabisch "hukuuma".
Die israelische Regierung griff massiv in das Leben der Menschen ein
und erließ zum Beispiel Verbote, die Brennholzsammeln und nicht genehmigten
Fischfang untersagten. Nach dem Prinzip des "indirect rule" ernannten
die Israelis unter den Beduinen Sheikhs, welche die Funktion beidseitiger
Vermittlung inne hatten. Die Beduinen verachteten diese Art von installierten
und regierungstreuen Scheichs, waren aber gleichzeitig von ihnen abhängig.
Andererseits bauten die Israelis Straßen, Schulen und Krankenhäuser
und schickten ihre Ärzte auch in abgelegene Gebiete. Außerdem boten
sie vielen Beduinen Arbeit. Dies ist einer der Gründe dafür, daß die
Beduinen sich durchaus auch positiv über die israelischen Besatzer äußerten
und es heute noch tun.
Weil die Beduinen sich
über ihre Stammeszugehörigkeit identifizieren, ist es ihnen quasi einerlei,
wer das Land regiert - sie fragen nach dem Nutzen, den sie davon haben.
Nur so ist es zu verstehen, daß sie sich mit den Israelis relativ gut
arrangierten, während Ägypten im Judenstaat einen Todfeind sah. Dementsprechend
wurden die Beduinen schließlich von den Ägyptern als Kollaberateure
beschimpft, nachdem der Sinai (1982) wieder unter ägyptische Herrschaft
zurückgefallen war. Die Ägyptische Regierung gefällt also den Beduinen
nicht unbedingt besser als die israelische, wenngleich die Ägypter deren
Sprache sprechen und ihre Staatsreligion der Islam ist.
Zugespitzt hat sich der
Konflikt zwischen Stämmen und ägyptischem Staat in unseren Tagen durch
den Massentourismus. Plötzlich interessieren sich ägyptische und internationale
Investoren für das Küstenland und pflastern den Küstenstreifen mit Hotelanlagen
zu. Die Beduinen, die sich als Besitzer des Landes betrachten, gehen
dabei meist leer aus. (s. Internet-Texte) Die Bodenpreise schießen in
schwindelerregende Höhen, während die Großinvestoren mit ihrem "bösen
Blick" die Küste regelrecht aufzufressen scheinen. Ein weiteres Problem
der Beduinen, insbesondere der Terabiin und Mzaina, besteht darin, daß
der Tourismus sozusagen mehr und mehr über ihre Köpfe hinweg stattfindet.
Die ägyptischen oder ausländischen Veranstalter haben ihre eigenen Jeeps,
eigene Programme, ja: eigene (ägyptische) Wüstenführer. Jene, die die
Wüste wirklich kennen und in ihr leben, die Beduinen, finden nicht einmal
mehr im Tourismus Arbeit - und auch sonst sieht es in Sachen Arbeit
für die Beduinen nicht sehr rosig aus.
In der Hoffnung, dennoch
Arbeit zu finden, ziehen mehr und mehr junge Mzainafamilien in die Städte
an der Ostküste, wobei Arbeitssuche gewiß nicht der einzige Grund ist.
Meistens errichten sie sich dort feste Wohnhäuser aus Stein. Diese Häuser
sind im Normalfall mit Elekrizität versorgt, nicht immer aber mit fließendem
Wasser. Deshalb sieht man vor den Häusern die großen blauen Wassertonnen,
von denen die Frauen sich Wasser für den alltäglichen Gebrauch in kleinere
Behälter abfüllen.
Auch wer ein festes Haus
hat, bleibt flexibel. So wie die Beduinen einst mit ihrem Vieh zu den
Weidegründen zogen, ziehen sie heute an die Orte, wo es Touristen gibt.
Einer dieser Orte ist Ras Abu Galum, ein am Meer gelegener Naturpark
zwischen Dahab und Nuweba. Dort ist der Bau fester Häuser verboten,
daher errichten die meisten Beduinenfamilien Häuser aus Zeltplanen und
Holz. Manche Familien kommen nur in der Hauptsaison, bzw. an den jüdischen
Festtagen, wenn besonders viele Touristen zu erwarten sind und errichten
ihr Zelt nur für die Dauer einiger Tage oder Wochen. Während dieser
Zeit leben sie davon, daß sie für die Touristen kochen, ihnen Schlafplätze
vermieten und Schmuck und Steine verkaufen. Auch gibt es inzwischen
einige kleine "suber market" in Ras Abu Galum, die einigen Familien
ein kleines Einkommen ermöglichen.
Die Frauen verbringen viel Zeit
mit ihren Nachbarinnen und weiblichen
Verwandten. Die Männer sind meist viel unterwegs und kümmern sich u.a.
darum, Geld zu verdienen. In langen Gesprächsrunden diskutieren sie
untereinander stammesinterne und intertribale Angelegenheiten. Sie sind
es, die den Stamm nach außen hin dem Staat gegenüber repräsentieren.
Das heißt aber keineswegs,
daß Frauen in dieser Gesellschaft "machtlos" sind. Die Männer besprechen
einen Großteil ihrer Angelegenheiten in den Häusern beim Tee, wo auch
die Frauen mit dabei sitzen. Dadurch haben Frauen innerhalb des Stammes
Zugang zu sehr viel Information, ja: sie können diese sogar ungehemmter
weiterverbreiten als die Männer es sich erlauben dürfen. Frauen treffen
sich viel öfters ungestört und privat als Männer, welche sich fast immer
in der Öffentlichkeit aufhalten. Mittels dichter Netzwerke aus langjährigen
Beziehungen zwischen Nachbarinnen, Freundinnen und Verwandten können
Frauen sich für ihre eigenen Belange und für die ihrer Familie stark
machen.
Die Aufgabenbereiche von Mann und Frau sind stark
voneinander getrennt.Haus und Frau gehören zusammen, d.h. die Hauptaufgabe der Beduinenfrauen
ist der Haushalt. Frauen sind die meiste Zeit in und bei ihrem Haus oder
Garten. Sie kümmern sich um die Kinder, um die Küche, die
Wäsche und das Vieh. Tagsüber gehen manchmal sie selbst oder aber
ihre Töchter aus dem Dorf oder der Stadt hinaus, um das Vieh zu weiden
und Brennholz zu sammeln. Eine wichtige Aufgabe ist das Bewirten von
Gästen. Gäste sind außer während der Siesta zu jeder
Tageszeit zu erwarten. Die Frau kocht für die Gäste Tee und
läßt sie gegebenfalls an den Mahlzeiten teilnehmen.
Die Beduinenmänner sind viel unterwegs, um diversen Tätigkeiten
nachzugehen, Besuche zu machen, größere Einkäufe zu
tätigen usw. Ihre Aufgabe ist es, genügend Geld für den
Haushalt und die Familie herbeizuschaffen.
Es ist bei den Beduinen verboten, daß ein Mann und eine Frau, die
weder miteinander verheiratet, noch eng verwandt sind, sich allein, d.h. im
nichtöffentlichen Raum treffen. Sehr wohl können sie sich aber beim
Haus treffen. Trotz stark voneinander getrennten Sphären verbringen
Männer und Frauen nämlich viel gemeinsame Zeit bei den
alltäglichen und allabendlichen Teerunden. Sie sitzen dabei im Haus oder
Hof zusammen, aber nicht gemischt, also die Männer nebeneinander und die
Frauen nebeneinander. Dies hindert sie aber durchaus nicht daran, heftig
miteinander zu schäkern und zu flirten.
Tänze bieten eine weitere Möglichkeit für Männer und
Frauen, sich zu treffen und auch miteinander zu flirten. Bei jedem
größeren Fest (Hochzeit, Pilgerfest usw.) wird die ganze Nacht
getanzt und es sind vor allem die Frauen, die sich wochenlang darauf
vorbereiten, neue Kleider nähen, ihre Schleier mit aufwendigen
Perlenborten verzieren usw. Auf den Festen werden drei verschiedene Tanzformen
getanzt. (s. Beduinen - Worte)
Aber auch außerhalb dieser feierlichen Anlässe hat die Jugend
mancherorts den Radihi-Tanz zu einer festen, allabendlichen Einrichtung
gemacht. In Reihen stehen die jungen, meist unverheirateten Männer da,
singen und klatschen in die Hände, während einer unter ihnen die
Trommel (i.e. den Wasserkanister) schlägt. Vor der Männerreihe
sitzen in einigem Abstand die Mädchen und es ist immer nur ein einzelnes,
das vor der Männerreihe tanzt. Dabei entsteht durchaus knisternde Erotik.
Es ist jedoch streng verboten, daß ein junger Mann und eine junge Frau
sich gemeinsam zurückziehen. Man sieht bestenfalls Pärchen an einer
Hausecke oder neben einem Jeep stehen und miteinander plaudern.
Die Heirat der Mädchen läuft grundsätzlich über ihren Vater oder, falls dieser verstorben ist
über einen anderen männlichen Verwandten. An ihn muß der potentielle Bräutigam sich wenden,
um die Hand der Tochter zu erbitten. Nicht immer kennt das Mädchen diesen Bewerber und es kommt
durchaus vor, daß die Tochter verheiratet wird, ohne daß sie es weiß oder will. Das Thema wird nicht
direkt zwischen Vater und Tochter besprochen, sondern wenn, dann z.B. über die Mutter. Welche Möglichkeiten
haben nun die Mädchen, falls sie die arrangierte Ehe nicht wollen? Ein Mittel ist, buchstäblich wegzulaufen.
Wenn das Mädchen bei einem Verwandten explizit "Zuflucht" nimmt, so ist dieser verpflichtet, ihr vor dem
Zugriff des Vaters oder des zugesagten Ehemannes Schutz zu gewähren. Die Ehe muß dann neu verhandelt und
gegebenenfalls gelöst werden. Eine Frau kann auch zum zuständigen "Qadi" gehen, also dem Stammesrichter.
Es gibt unter den Richtern Spezialisten für Frauenangelegenheiten. Allerdings muß sie sich dort von einem männlichen
Verwandten vertreten lassen.
Häufig aber fügen sich die Mädchen den Umständen und sind bereit, es mit dem zugesagten Mann wenigstens zu
versuchen. Wenn die junge Frau mit ihrem Mann unzufrieden ist oder sich schlecht behandelt fühlt, kann sie
jederzeit ihre Sachen packen und in ihr Elternhaus zurückkehren. Allerdings kann sie nicht direkt "die
Scheidung einreichen", sondern muß dies über teils zähe Verhandlungen im Gespräch mit der eigenen Familie
durchsetzen. Ist die Ehe vom Vater arrangiert oder zumindest akzeptiert worden, kann die Frau im Normalfall
auf den vollen Schutz ihrer Familie zählen. Dies ist auch der Grund, warum diese Form von Ehe nach wie vor
von den Leuten - auch von den Frauen - gutgeheißen wird. Würde ein Mädchen oder ein junges Paar auf eine Eheschließung
drängen, die der Vater nicht will, so stünde die Frau im Falle der Unzufriedenheit ganz alleine da, was für sie
außerordentlich nachteilig sein könnte. Dennoch gibt es bei den Mzaina-Beduinen häufig Ehen zwischen Paaren, die
sich selbst gefunden haben und den Segen des Brautvaters erhalten.
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