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Texte von Harald Sorg, Ethnologe

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Orient-Träume

Im Abendland kursieren die abenteuerlichsten Berichte übers Morgenland, genau wie es auch umgekehrt der Fall ist: Menschen, Gruppen und ganze Gesellschaften kultivieren wohl schon immer und überall Vorstellungen über Lebenswelten jenseits des eigenen Horizontes. Etwa durch Krieg, Handel, Heirat oder Glaube verfügen Teile von Gesellschaften über einen Erfahrungsschatz im Umgang mit Fremden, der meist uneingestanden durch die eigene Weltsicht geprägt bleibt. Die Bandbreite der Bilder vom Fremden schwankt zwischen vorbildlichen und abschreckenden Stereotypen: Mal gelten sie als unverdorbene Weise zu Vorbildern für uns daheim hochstilisiert, mal werden sie uns in ihrem unzivilisierte Barbarendasein als kulturlose Halbmenschen vorgestellt. Besonders in Zeiten eigener Abschottung dient das meiste, was über "die anderen dort draußen" meist so geredet und geschrieben wird, weit weniger dem Verständnis und der Darstellung von Fremden in deren Lebenszusammenhängen, sondern vielmehr dem eigenen Selbstbild.
Deshalb schwankt das Verhältnis zu Fremden zwischen einerseits Anziehung in der Hoffnung auf Glück durch Veränderung und andererseits Abwehr aus Angst durch Verunsicherung der bis dahin fraglos als einzig gültige Lebensweise angenommenen eigenen Erfahrung. Doch es gibt neben den Berichten über die "Anderen" auch Erfahrungen über Kontakte mit Fremden, zumal seit spätestens fünfzig Jahren keine vom Rest der Menschheit völlig isolierten Völker übrig sind.
Weil der Erstkontakt zwischen Kulturen global längst der Vergangenheit angehört, ist die spätere Berührung um so mehr durch die Vorgeschichte in bestimmte Bahnen gelenkt, so dass die heutige Begegnung nur schwerlich die Gleise des Denken und Handelns der Vorgänger verläßt: "Ihr seid so und wir sind so". Gemeinsamkeiten im direkten Vergleich von Einzelheiten im Leben hier und dort erscheinen banal, Unterschiede hingegen stechen ins Auge und werden aus ihrem Zusammenhang gerissen einander gegenüber gestellt. Das kann zwar anregend sein, für das Verständnis anderer ist es aber zu kurz gegriffen. Zurück Zuhause lassen sich so zwar packende Anekdoten oder reißerische Reportagen machen, die Befangenheit der Erlebnisse und Berichte verhindert aber jeden tiefergehenden Aussagewert über die anderen, weil diese letztlich nur so auftauchen, dass sie austauschbar wie Statisten der steten Neuinszenierung des eigenen Selbstbildes dienen.
Dennoch ist eine tiefergehende Begegnung möglich und auch schon oft geschehen, wenn Menschen sich "von du zu du" im gleichberechtigten Dialog miteinander auseinandersetzen. Wenn es gelingt, eine solche Begegnung in Worten nachvollziehbar für Daheimgebliebene zu vermitteln, wird man auch erkennen, wie zweifelhaft und oberflächlich die meisten Vorstellungen von Fremden sind, die mit den Worten beginnen: "An sich ist der Beduine seinem Wesen nach ..." Niemand ist ohne kulturelle Prägung oder soziale Einbindung, aber dennoch verstehen es Menschen, in ihrem Rahmen selbst virtuos zu variieren.
Die Begegnung von Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsformen mit ihren kulturellen Eigenheiten heute ist geschichtlich nichts neues, lediglich die Beweggründe und der Rahmen des Kontaktes haben Neuerungen erfahren: Neben Heirat, Handel, Krieg, Kolonialisierung, religiösem und weltlichem Wissensaustausch, Mission oder Entwicklungshilfe ist der Tourist neu hinzugekommen. Rein zahlenmäßig überbietet er bestimmt die anderen Gruppen von Reisenden. Auch sein Anlass ist erst jüngst üblich geworden: Erholung und Abwechslung.
Vor und nach der Reise gewinnt er im Kreise der Vertrauten durch den Preis und die Wertschätzung des Urlaubes an Ansehen. Die Unbillen der Reise nimmt er wie ein Pilger auf sich, weil er dort exklusive An- und Einsichten erhofft ("been there, seen it, done it"). Sein Prestige wird umso mehr wachsen, je exotischer seine Reiseberichte das ungewohnte Detail herauspicken und dramatisieren. Wer im Himmel gelandet oder durch die Hölle gegangen war, darf sich als etwas besonderes schätzen; schade nur, das damit die Chance zu einer grundliegenden neuen Erfahrung oder auch nur zu einem Blick über den Tellerrand vergeudet wurde. Der Traum von der Erholung und Abwechslung im Strandhotel wird so raffiniert in der Werbung und unter Kollegen propagiert, dass den meisten Heimkehrern gar nicht auffällt, wie sehr sie mit Ruinen, Buffet, Souvenirs und Animation abgespeist werden. Zwar betreten sie fremden Boden, rechnen in fremden Währungen, genießen exotischen Speis, Trank und Bedienung, radebrechen sogar in fremden Sprachen - einen Fremden als Freund von Dauer aber scheuen sie. Bis zum Ende des zweiten Weltkrieges spukte der Orientale mal als Vorbild, mal als Abschreckung durch abendländische Köpfe; nunmehr aber erscheinen den meisten abendländischen Reisenden die Bewohner der Urlaubsländer nur Bedienstete zu sein - ein ungleiches Verhältnis mit hohem Risiko, dort ganz spiegelbildliche nur wie ein Ding angesehen zu werden: etwa als Halbmensch in Gestalt eines wandelnden Geldbeutels.

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