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Orient-Träume
Im Abendland kursieren die abenteuerlichsten Berichte übers Morgenland, genau wie es auch
umgekehrt der Fall ist: Menschen, Gruppen und ganze Gesellschaften
kultivieren wohl schon immer und überall Vorstellungen über
Lebenswelten jenseits des eigenen Horizontes. Etwa durch Krieg, Handel, Heirat
oder Glaube verfügen Teile von Gesellschaften über einen
Erfahrungsschatz im Umgang mit Fremden, der meist uneingestanden durch die
eigene Weltsicht geprägt bleibt. Die Bandbreite der Bilder vom Fremden
schwankt zwischen vorbildlichen und abschreckenden Stereotypen: Mal gelten
sie als unverdorbene Weise zu Vorbildern für uns daheim hochstilisiert,
mal werden sie uns in ihrem unzivilisierte Barbarendasein als kulturlose
Halbmenschen vorgestellt. Besonders in Zeiten eigener Abschottung dient das
meiste, was über "die anderen dort draußen" meist so
geredet und geschrieben wird, weit weniger dem Verständnis und der
Darstellung von Fremden in deren Lebenszusammenhängen, sondern vielmehr
dem eigenen Selbstbild.
Deshalb schwankt das Verhältnis zu Fremden zwischen einerseits Anziehung in der Hoffnung auf
Glück durch Veränderung und andererseits Abwehr aus Angst durch
Verunsicherung der bis dahin fraglos als einzig gültige Lebensweise
angenommenen eigenen Erfahrung. Doch es gibt neben den Berichten über die
"Anderen" auch Erfahrungen über Kontakte mit Fremden, zumal
seit spätestens fünfzig Jahren keine vom Rest der Menschheit
völlig isolierten Völker übrig sind.
Weil der Erstkontakt zwischen Kulturen global längst der Vergangenheit angehört, ist die
spätere Berührung um so mehr durch die Vorgeschichte in bestimmte
Bahnen gelenkt, so dass die heutige Begegnung nur schwerlich die Gleise des
Denken und Handelns der Vorgänger verläßt: "Ihr seid so
und wir sind so". Gemeinsamkeiten im direkten Vergleich von Einzelheiten
im Leben hier und dort erscheinen banal, Unterschiede hingegen stechen ins
Auge und werden aus ihrem Zusammenhang gerissen einander gegenüber
gestellt. Das kann zwar anregend sein, für das Verständnis anderer
ist es aber zu kurz gegriffen. Zurück Zuhause lassen sich so zwar
packende Anekdoten oder reißerische Reportagen machen, die Befangenheit
der Erlebnisse und Berichte verhindert aber jeden tiefergehenden Aussagewert
über die anderen, weil diese letztlich nur so auftauchen, dass sie
austauschbar wie Statisten der steten Neuinszenierung des eigenen Selbstbildes
dienen.
Dennoch ist eine tiefergehende Begegnung möglich und auch schon oft geschehen, wenn
Menschen sich "von du zu du" im gleichberechtigten Dialog
miteinander auseinandersetzen. Wenn es gelingt, eine solche Begegnung in
Worten nachvollziehbar für Daheimgebliebene zu vermitteln, wird man auch
erkennen, wie zweifelhaft und oberflächlich die meisten Vorstellungen von
Fremden sind, die mit den Worten beginnen: "An sich ist der Beduine
seinem Wesen nach ..." Niemand ist ohne kulturelle Prägung oder
soziale Einbindung, aber dennoch verstehen es Menschen, in ihrem Rahmen selbst
virtuos zu variieren.
Die Begegnung von Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsformen mit ihren kulturellen
Eigenheiten heute ist geschichtlich nichts neues, lediglich die
Beweggründe und der Rahmen des Kontaktes haben Neuerungen erfahren: Neben
Heirat, Handel, Krieg, Kolonialisierung, religiösem und weltlichem
Wissensaustausch, Mission oder Entwicklungshilfe ist der Tourist neu
hinzugekommen. Rein zahlenmäßig überbietet er bestimmt die
anderen Gruppen von Reisenden. Auch sein Anlass ist erst jüngst
üblich geworden: Erholung und Abwechslung.
Vor und nach der Reise gewinnt er im Kreise der Vertrauten durch den Preis und die Wertschätzung
des Urlaubes an Ansehen. Die Unbillen der Reise nimmt er wie ein Pilger auf
sich, weil er dort exklusive An- und Einsichten erhofft ("been there,
seen it, done it"). Sein Prestige wird umso mehr wachsen, je exotischer
seine Reiseberichte das ungewohnte Detail herauspicken und dramatisieren. Wer
im Himmel gelandet oder durch die Hölle gegangen war, darf sich als etwas
besonderes schätzen; schade nur, das damit die Chance zu einer
grundliegenden neuen Erfahrung oder auch nur zu einem Blick über den
Tellerrand vergeudet wurde. Der Traum von der Erholung und Abwechslung im
Strandhotel wird so raffiniert in der Werbung und unter Kollegen propagiert,
dass den meisten Heimkehrern gar nicht auffällt, wie sehr sie mit Ruinen,
Buffet, Souvenirs und Animation abgespeist werden. Zwar betreten sie fremden
Boden, rechnen in fremden Währungen, genießen exotischen Speis,
Trank und Bedienung, radebrechen sogar in fremden Sprachen - einen Fremden als
Freund von Dauer aber scheuen sie. Bis zum Ende des zweiten Weltkrieges spukte
der Orientale mal als Vorbild, mal als Abschreckung durch abendländische
Köpfe; nunmehr aber erscheinen den meisten abendländischen Reisenden
die Bewohner der Urlaubsländer nur Bedienstete zu sein - ein ungleiches
Verhältnis mit hohem Risiko, dort ganz spiegelbildliche nur wie ein Ding
angesehen zu werden: etwa als Halbmensch in Gestalt eines wandelnden Geldbeutels.
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