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Stamm statt Staat
Um das Stammesleben in seinem Aufbau und mehr noch in seinen Abläufen anschaulich zu machen,
wird es hier unter den drei Blickwinkeln von Politik, Verwandtschaft und
Wirtschaftsweise umrissen.
Stämme sind Gesellschaften ohne Staat, was mit dem Fachwort akephale Gesellschaft
ausgedrückt wird. Damit bezeichnet man auch heute noch eine Vielzahl
funktionierender Gesellschaften ohne eine Zentralinstanz, wie es z.B.
Kaiserreiche oder Nationalstaaten sind. Stammesgesellschaften wirtschaften
meist als Jäger, Bauern oder Nomaden. Die deutlichste Besonderheit bei
ihnen liegt darin, dass dort das Zusammenleben von Menschen und Gruppen in
erster Linie durch die Rede- und Denkweise der verwandtschaftlichen Abstammung
geregelt wird.
Auf den ersten Blick mangelt es Stammesgesellschaften in den Augen von Staatsbürgern - als ein
Paradebeispiel dafür können wir Deutschen gelten - also an den
gewohnten Einrichtungen der "öffentlichen Ordnung": kein
Herrscher, kein Untertan, keine Behörden, kein Amt, keine Armee - kurz
die Abwesenheit von institutionalisierten Machtstrukturen.
Beim Zusammentreffen unterschiedlicher Interessen dient dort nicht der schriftlich vorformulierte
Rechtweg des Gesetzes, sondern das Geschick der Beteiligten, um sich - unter
Berufung auf gemeinsame Abstammung - eine ausreichend starke
Einflußgruppe gewogen zu machen, damit Rechte oder Pflichten auf
moralischem Wege einklagbar werden. Der Aufbau solcher Stammesgesellschaften
fußt auf dem Prinzip der verwandtschaftlichen Stellung aufeinander
treffender Mitglieder und der von ihnen daraus abgeleiteten moralischen
Verpflichtungen, was der Idee nach wie ein starres Regelwerk von sozialen
Rollen wirkt. Dennoch ist der reale Ablauf bei solchen
Interessenstreitigkeiten sehr flexibel gehandhabt, weil beim Stammesrecht
neben Bluts- auch Wahlverwandtschaft, Herkunft, Glaube, Sprache, Beruf,
Freundschaft, Altersgruppe, Auftreten und Ansehen usw. eine gewichtige Rolle
spielen können.
Kein Mitglied einer Interessensgruppe sieht sich selbst als ausschließlich dieser einen
zugehörig, vielmehr ist von Mal zu Mal die jeweilige Stärke der
Bündnisse im Augenblick entscheidend. Die Treue gilt zwar immer dem
ganzen Stamm, dennoch werden innerhalb des Stammes auftretende Uneinigkeiten
unter Berufung auf den Grad verwandtschaftlicher Nähe auspalavert. Um
dieses Verhalten in ein Wort zu fassen, wurde auf die Lebensfähigkeit der
einzelnen, ineinander verschachtelten Bezugsrahmen abgehoben und jede
momentane Interessensgruppierung als Segment aufgefasst. Berühmt geworden
ist zum Ablauf des "segmentären Prinzips" der erläuternde
Ausspruch eines Beduinen an einen Ethnologen:
"Ich gegen meinen Bruder,Ich und mein Bruder gegen meinen Vetter,Ich, mein Bruder und
mein Vetter gegen die Welt."
Allein im heutigen Afrika sind rund ein Viertel aller Länder in der Tat bewohnt von
Gesellschaften ohne funktionierendem Staatswesen (z.B.Somalia).
Die Beduinen des Sinai hingegen sind formalrechtlich Staatsbürger Ägyptens, ohne aber
ein großes Zugehörigkeitsgefühl oder gar Denken und Handeln
in staatsbürgerlichen Bahnen übernommen zu haben: Außerhalb
der verwandtschaftlichen Stammesgrenzen beginnt die "Welt", egal ob
unter israelischer Besatzung (1967-1982) oder als Provinz Ägyptens.
Der Hergang eines Streites wird in aller Regel zunächst mündlich von Beteiligten und
ihnen nahestehenden Anhänger an zahllosen Gelegenheiten wie etwa beim
allabendlichen geselligem Beisammensein lang und breit debattiert. Dadurch
werden die meisten Streitigkeiten lange vor dem Entstehen von starren
Ansichten oder dem Ausbruch offener Feindseligkeiten abgewiegelt. Im
Streitfalle zählt nicht Amtsmacht und Gesetzesschrift mit anonymer
Urteilslogik, sondern es entscheidet eine Mehrheitsfindung, deren meist
vorläufige Einigung auf die Wortgewalt, die Beliebtheit und das
Verhandlungsgeschick der Teilnehmer zurückgehen. Die Streitparteien
feilschen um die Zustimmung einer an Klatsch und Tratsch stets interessierten
Mehrheit, um durch deren Rückhalt den eigenen Worten das Gewicht des
moralischen Gewohnheitsrechtes zu verleihen.
Damit entsteht in aller Regel eine Streitkultur "der freundlichen Worte" in einem
zwischenmenschlichen Klima des allgemeinen Abwiegelns, weil jeder neu
aufkommende Streit sich zwangsläufig destabilisierend auf einstweilige
Kräfteverhältnisse in anderen, bereits schwelenden Uneinigkeiten
auszuwirken beginnt. Stellt sich der Zwist als dauerhaft
unüberbrückbar heraus, so spalten sich Stammesgesellschaften und ein
Teil zieht als Ableger in andere Regionen um. Stammesgesellschaften mit
bäuerlicher Wirtschaftsform erleben beim Umzug den Verlust ihrer Scholle
als Beinahe-untergang und vermeiden in der Regel jede Spaltung; Nomaden
hingegen sind wesentlich mobiler und es passiert häufig, dass
verstrittene Gruppierungen sich innerhalb des Stammesgebietes eher aus dem Weg
gehen oder bald in weiter auseinander gelegenen Gegenden siedeln.
Insgesamt gelten Stämme aus der Sicht von Beamten als "unverbesserlich
unregierbar", zumal ihr innerer Zusammenhalt und das Festhalten an
Stammestraditionen mit zunehmenden Druck von außen her immer
stärker wird und sie auch im schlimmsten Falle einer militärischen
Eroberung die Verhaltensweise des segmentären Prinzips im Widerstand
anwenden: "gezieltes Ausweichen ohne Unterwerfung" - also schlicht
die Fehde und der "Guerilla-Krieg der Warlords".
Stammesgesellschaften regeln ihre eigenen Angelegenheiten nach dem
segmentären Prinzip, doch diese Art des Denken und Handelns findet sich
auch in allen anderen Gesellschaften wieder, nur dass es dann zumeist nicht
zum Selbstbild passt und nur allzu gern als "Überbleibsel" oder
"Randerscheinung" übergangen wird, weil ihm dort den peinlichen
Hauch des Heimlichen anhaftet: Vetternwirtschaft, Klüngel, Mafia,
Amtsfilz, Loge, Freundekreis, Vitamin B, etc.. Fast alles, was innerhalb
eines Stammes an Dingen verhandelt und an Arbeiten verrichtet wird, richtet
sich nach dem Grundsatz der Gegenseitigkeit. Meistens wird das gerade
Benötigte durch Vermittlung von dritten getauscht, ohne das Geld dabei
eine Rolle spielen muss. Wichtiger als das Anhäufen von Geldwerten ist
es, bei möglichst vielen Tauschpartnern noch "etwas offen" zu
haben, weil eine Dankesschuld das eigene Ansehen als großzügigem
Wohltäter steigert. Dieses symbolische Kapital eines guten Rufs und der
Besitz eines angesehenen (Familien-) Namens lassen sich dort jederzeit auch
in Güter und Dienstleistungen ummünzen, ohne dass dabei die mobile
Lebensweise behindert würde. Grundgedanke wirtschaftlichen Handelns
ist weniger die rationale Wahl des Einzelnen, all das zu tun, was ihm selbst
auf Kosten anderer den größtmöglichen Nutzen zu bringen
verspricht, sondern vielmehr das Bestreben, mit kleinstmöglichem Aufwand
gerade so viel zu bewirken, das es geteilt mit der Bezugsgruppe aus Verwandten
und Freunden reicht, um alle so gut wie möglich zu versorgen. Dazu
betreiben fast alle Haushalte Kleinviehzucht, in den Oasen Gartenbau und an
der Küste Fischfang, wobei man sich mit Selbstversorgung und Tauschhandel
begnügt. Die Arbeitsteilung ist schwach ausgeprägt und fast alle
Stammesmitglieder sind in der Lage beinahe jede Tätigkeit auszuüben,
wobei es nie darum geht, die eingesetzten Arbeitskräfte und Werkzeuge
möglichst effektiv in der kürzesten Zeit einzusetzen. Vielmehr
beobachtet man unter Mzeina immer wieder, wie mit nur einer Handvoll an
Instrumenten beinahe alles bewerkstelligt wird, ohne das die Zeit knapp zu
sein scheint oder alle Anwesenden nur noch ihr Arbeitsziel und sonst nichts im
Sinne hätten. Arbeiten gilt als ein Anteil der sozialen Lebenszeit und
nicht das soziale Leben als Restzeit nach dem Arbeiten. Und weil der Reichtum
nicht für den Einzelnen im Konkurrenzkampf um Güter und Geld,
sondern nur als Zugpferd im Gespann mit der Familie und unter Kooperation mit
allen übrigen sowie durch Klüngelei um Prestige und Privilegien
erreichbar ist, zählt nicht das Streben nach kurzfristigem Profit sondern
der längerfristige Zustand allgemeiner Fürsorge durch
Großzügigkeit. Wer sich für seine umsichtige Art in
Stammesangelegenheiten einen Namen darin macht, mit geringem Aufwand und
schlichten Mitteln allen Beteiligten ihr Anrecht oder ihr Auskommen zu sichern
und ihnen dabei ein Höchstmaß an gefühlsmäßiger
Zufriedenheit bzw. sozialer Achtung zu ermöglichen, der kann als
"Scheich" tituliert werden. Dieses Amt besteht nur in seiner
Würde und ist weder erblich noch von längerer Dauer, als man
Gefolgschaft hat. Ein Scheich vermittelt in Streitfragen und ist bei der
Verteilung von Ernten, Gewinnen aus Stammesunternehmungen, Staatshilfsmitteln
und Arbeitschancen als Wortführer beteiligt, ohne aber ein Amtsmandat mit
unanfechtbaren Vorrechte zu geniessen. Unter Stammesmitgliedern herrscht die
prinzipielle Gleichwertigkeit aller vor, die erst im zweiten Schritt um die
Besonderheiten des Einzelnen und seines Geschickes im Umgang damit relativiert
wird (z.B.: Alter, Geschlecht, Abstammung, Familienstand, Zugehörigkeit).
Der einzelne erlebt sich selbst als untrennbar mit dem Stamm verwachsen und
handelt aus der dichten Überlagerung seiner unterschiedlichen Rollen
heraus, immer im Bemühen um Ausgleich der oft widerstrebenden Interessen
in sich selbst genau so wie auch in der Familie oder im Stamm als Ganzes.
Deshalb empfiehlt sich beim Anstreben von Zielen immer, Unmut zu vermeiden und
für das eigene Vorhaben bei allen durch einen freundlichen Umgang
"schön Wetter" zu machen, damit eine ausreichend große
Gruppe dem Ziel wohlwollend gesonnen ist, um es einmal wahr werden zu lassen:
"insh'Allah" ("So Gott will"). Das Erhoffte wird sich
einstellen, wenn genügend Beteiligte spüren, dass sie ein
Eigeninteresse zur Anteilnahme haben und sich ein Aktionsbündnis bildet
und dann die planlose Reglosigkeit abrupt in die "Gunst der Stunde"
umschlägt, wenn "auf einmal alles läuft wie von selbst".
Dabei besteht der erste Schritt beim langen Marsch zur Erlangung eines Zieles
gewissermaßen darin, sich wieder zu setzen, um beim Teetrinken den
anderen ihre Wünsche an den Augen abzulesen und mit den eigenen Zielen zu
verknüpfen: "Allah'hu ma'a saberin" - Gott ist mit den
Geduldigen.
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