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Texte von Harald Sorg, Ethnologe

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Stamm statt Staat

Um das Stammesleben in seinem Aufbau und mehr noch in seinen Abläufen anschaulich zu machen, wird es hier unter den drei Blickwinkeln von Politik, Verwandtschaft und Wirtschaftsweise umrissen.
Stämme sind Gesellschaften ohne Staat, was mit dem Fachwort akephale Gesellschaft ausgedrückt wird. Damit bezeichnet man auch heute noch eine Vielzahl funktionierender Gesellschaften ohne eine Zentralinstanz, wie es z.B. Kaiserreiche oder Nationalstaaten sind. Stammesgesellschaften wirtschaften meist als Jäger, Bauern oder Nomaden. Die deutlichste Besonderheit bei ihnen liegt darin, dass dort das Zusammenleben von Menschen und Gruppen in erster Linie durch die Rede- und Denkweise der verwandtschaftlichen Abstammung geregelt wird.
Auf den ersten Blick mangelt es Stammesgesellschaften in den Augen von Staatsbürgern - als ein Paradebeispiel dafür können wir Deutschen gelten - also an den gewohnten Einrichtungen der "öffentlichen Ordnung": kein Herrscher, kein Untertan, keine Behörden, kein Amt, keine Armee - kurz die Abwesenheit von institutionalisierten Machtstrukturen.
Beim Zusammentreffen unterschiedlicher Interessen dient dort nicht der schriftlich vorformulierte Rechtweg des Gesetzes, sondern das Geschick der Beteiligten, um sich - unter Berufung auf gemeinsame Abstammung - eine ausreichend starke Einflußgruppe gewogen zu machen, damit Rechte oder Pflichten auf moralischem Wege einklagbar werden. Der Aufbau solcher Stammesgesellschaften fußt auf dem Prinzip der verwandtschaftlichen Stellung aufeinander treffender Mitglieder und der von ihnen daraus abgeleiteten moralischen Verpflichtungen, was der Idee nach wie ein starres Regelwerk von sozialen Rollen wirkt. Dennoch ist der reale Ablauf bei solchen Interessenstreitigkeiten sehr flexibel gehandhabt, weil beim Stammesrecht neben Bluts- auch Wahlverwandtschaft, Herkunft, Glaube, Sprache, Beruf, Freundschaft, Altersgruppe, Auftreten und Ansehen usw. eine gewichtige Rolle spielen können.
Kein Mitglied einer Interessensgruppe sieht sich selbst als ausschließlich dieser einen zugehörig, vielmehr ist von Mal zu Mal die jeweilige Stärke der Bündnisse im Augenblick entscheidend. Die Treue gilt zwar immer dem ganzen Stamm, dennoch werden innerhalb des Stammes auftretende Uneinigkeiten unter Berufung auf den Grad verwandtschaftlicher Nähe auspalavert. Um dieses Verhalten in ein Wort zu fassen, wurde auf die Lebensfähigkeit der einzelnen, ineinander verschachtelten Bezugsrahmen abgehoben und jede momentane Interessensgruppierung als Segment aufgefasst. Berühmt geworden ist zum Ablauf des "segmentären Prinzips" der erläuternde Ausspruch eines Beduinen an einen Ethnologen:
"Ich gegen meinen Bruder,Ich und mein Bruder gegen meinen Vetter,Ich, mein Bruder und mein Vetter gegen die Welt."
Allein im heutigen Afrika sind rund ein Viertel aller Länder in der Tat bewohnt von Gesellschaften ohne funktionierendem Staatswesen (z.B.Somalia).
Die Beduinen des Sinai hingegen sind formalrechtlich Staatsbürger Ägyptens, ohne aber ein großes Zugehörigkeitsgefühl oder gar Denken und Handeln in staatsbürgerlichen Bahnen übernommen zu haben: Außerhalb der verwandtschaftlichen Stammesgrenzen beginnt die "Welt", egal ob unter israelischer Besatzung (1967-1982) oder als Provinz Ägyptens.
Der Hergang eines Streites wird in aller Regel zunächst mündlich von Beteiligten und ihnen nahestehenden Anhänger an zahllosen Gelegenheiten wie etwa beim allabendlichen geselligem Beisammensein lang und breit debattiert. Dadurch werden die meisten Streitigkeiten lange vor dem Entstehen von starren Ansichten oder dem Ausbruch offener Feindseligkeiten abgewiegelt. Im Streitfalle zählt nicht Amtsmacht und Gesetzesschrift mit anonymer Urteilslogik, sondern es entscheidet eine Mehrheitsfindung, deren meist vorläufige Einigung auf die Wortgewalt, die Beliebtheit und das Verhandlungsgeschick der Teilnehmer zurückgehen. Die Streitparteien feilschen um die Zustimmung einer an Klatsch und Tratsch stets interessierten Mehrheit, um durch deren Rückhalt den eigenen Worten das Gewicht des moralischen Gewohnheitsrechtes zu verleihen.
Damit entsteht in aller Regel eine Streitkultur "der freundlichen Worte" in einem zwischenmenschlichen Klima des allgemeinen Abwiegelns, weil jeder neu aufkommende Streit sich zwangsläufig destabilisierend auf einstweilige Kräfteverhältnisse in anderen, bereits schwelenden Uneinigkeiten auszuwirken beginnt. Stellt sich der Zwist als dauerhaft unüberbrückbar heraus, so spalten sich Stammesgesellschaften und ein Teil zieht als Ableger in andere Regionen um. Stammesgesellschaften mit bäuerlicher Wirtschaftsform erleben beim Umzug den Verlust ihrer Scholle als Beinahe-untergang und vermeiden in der Regel jede Spaltung; Nomaden hingegen sind wesentlich mobiler und es passiert häufig, dass verstrittene Gruppierungen sich innerhalb des Stammesgebietes eher aus dem Weg gehen oder bald in weiter auseinander gelegenen Gegenden siedeln.
Insgesamt gelten Stämme aus der Sicht von Beamten als "unverbesserlich unregierbar", zumal ihr innerer Zusammenhalt und das Festhalten an Stammestraditionen mit zunehmenden Druck von außen her immer stärker wird und sie auch im schlimmsten Falle einer militärischen Eroberung die Verhaltensweise des segmentären Prinzips im Widerstand anwenden: "gezieltes Ausweichen ohne Unterwerfung" - also schlicht die Fehde und der "Guerilla-Krieg der Warlords".
Stammesgesellschaften regeln ihre eigenen Angelegenheiten nach dem segmentären Prinzip, doch diese Art des Denken und Handelns findet sich auch in allen anderen Gesellschaften wieder, nur dass es dann zumeist nicht zum Selbstbild passt und nur allzu gern als "Überbleibsel" oder "Randerscheinung" übergangen wird, weil ihm dort den peinlichen Hauch des Heimlichen anhaftet: Vetternwirtschaft, Klüngel, Mafia, Amtsfilz, Loge, Freundekreis, Vitamin B, etc.. Fast alles, was innerhalb eines Stammes an Dingen verhandelt und an Arbeiten verrichtet wird, richtet sich nach dem Grundsatz der Gegenseitigkeit. Meistens wird das gerade Benötigte durch Vermittlung von dritten getauscht, ohne das Geld dabei eine Rolle spielen muss. Wichtiger als das Anhäufen von Geldwerten ist es, bei möglichst vielen Tauschpartnern noch "etwas offen" zu haben, weil eine Dankesschuld das eigene Ansehen als großzügigem Wohltäter steigert. Dieses symbolische Kapital eines guten Rufs und der Besitz eines angesehenen (Familien-) Namens lassen sich dort jederzeit auch in Güter und Dienstleistungen ummünzen, ohne dass dabei die mobile Lebensweise behindert würde. Grundgedanke wirtschaftlichen Handelns ist weniger die rationale Wahl des Einzelnen, all das zu tun, was ihm selbst auf Kosten anderer den größtmöglichen Nutzen zu bringen verspricht, sondern vielmehr das Bestreben, mit kleinstmöglichem Aufwand gerade so viel zu bewirken, das es geteilt mit der Bezugsgruppe aus Verwandten und Freunden reicht, um alle so gut wie möglich zu versorgen. Dazu betreiben fast alle Haushalte Kleinviehzucht, in den Oasen Gartenbau und an der Küste Fischfang, wobei man sich mit Selbstversorgung und Tauschhandel begnügt. Die Arbeitsteilung ist schwach ausgeprägt und fast alle Stammesmitglieder sind in der Lage beinahe jede Tätigkeit auszuüben, wobei es nie darum geht, die eingesetzten Arbeitskräfte und Werkzeuge möglichst effektiv in der kürzesten Zeit einzusetzen. Vielmehr beobachtet man unter Mzeina immer wieder, wie mit nur einer Handvoll an Instrumenten beinahe alles bewerkstelligt wird, ohne das die Zeit knapp zu sein scheint oder alle Anwesenden nur noch ihr Arbeitsziel und sonst nichts im Sinne hätten. Arbeiten gilt als ein Anteil der sozialen Lebenszeit und nicht das soziale Leben als Restzeit nach dem Arbeiten. Und weil der Reichtum nicht für den Einzelnen im Konkurrenzkampf um Güter und Geld, sondern nur als Zugpferd im Gespann mit der Familie und unter Kooperation mit allen übrigen sowie durch Klüngelei um Prestige und Privilegien erreichbar ist, zählt nicht das Streben nach kurzfristigem Profit sondern der längerfristige Zustand allgemeiner Fürsorge durch Großzügigkeit. Wer sich für seine umsichtige Art in Stammesangelegenheiten einen Namen darin macht, mit geringem Aufwand und schlichten Mitteln allen Beteiligten ihr Anrecht oder ihr Auskommen zu sichern und ihnen dabei ein Höchstmaß an gefühlsmäßiger Zufriedenheit bzw. sozialer Achtung zu ermöglichen, der kann als "Scheich" tituliert werden. Dieses Amt besteht nur in seiner Würde und ist weder erblich noch von längerer Dauer, als man Gefolgschaft hat. Ein Scheich vermittelt in Streitfragen und ist bei der Verteilung von Ernten, Gewinnen aus Stammesunternehmungen, Staatshilfsmitteln und Arbeitschancen als Wortführer beteiligt, ohne aber ein Amtsmandat mit unanfechtbaren Vorrechte zu geniessen. Unter Stammesmitgliedern herrscht die prinzipielle Gleichwertigkeit aller vor, die erst im zweiten Schritt um die Besonderheiten des Einzelnen und seines Geschickes im Umgang damit relativiert wird (z.B.: Alter, Geschlecht, Abstammung, Familienstand, Zugehörigkeit). Der einzelne erlebt sich selbst als untrennbar mit dem Stamm verwachsen und handelt aus der dichten Überlagerung seiner unterschiedlichen Rollen heraus, immer im Bemühen um Ausgleich der oft widerstrebenden Interessen in sich selbst genau so wie auch in der Familie oder im Stamm als Ganzes. Deshalb empfiehlt sich beim Anstreben von Zielen immer, Unmut zu vermeiden und für das eigene Vorhaben bei allen durch einen freundlichen Umgang "schön Wetter" zu machen, damit eine ausreichend große Gruppe dem Ziel wohlwollend gesonnen ist, um es einmal wahr werden zu lassen: "insh'Allah" ("So Gott will"). Das Erhoffte wird sich einstellen, wenn genügend Beteiligte spüren, dass sie ein Eigeninteresse zur Anteilnahme haben und sich ein Aktionsbündnis bildet und dann die planlose Reglosigkeit abrupt in die "Gunst der Stunde" umschlägt, wenn "auf einmal alles läuft wie von selbst". Dabei besteht der erste Schritt beim langen Marsch zur Erlangung eines Zieles gewissermaßen darin, sich wieder zu setzen, um beim Teetrinken den anderen ihre Wünsche an den Augen abzulesen und mit den eigenen Zielen zu verknüpfen: "Allah'hu ma'a saberin" - Gott ist mit den Geduldigen.

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