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In der Kultur der Beduinen spielte Schrift nie eine große Rolle. Die einzige Ausnahme ist der Koran, der als einziger Schrift-text für sie Bedeutung hat. Ansonsten werden alle Bereiche der Kultur und des Zusammenlebens mündlich, also oral gelebt: Stammespolitik, Verträge, Prozesse, Verkäufe - all dies bedarf keiner Kenntnis der Schrift. In diesem Kapitel geht es also um Ausschnitte aus der nicht-schriftlichen Kultur der Beduinen. Der Schwerpunkt liegt auf den Beduinen des Südsinai.

Inhalt: Das soziale System / Konflikte im Innern / Konflikte mit der Außenwelt / "Beduinischer Islam" / Vom ruhigen Gemüt / Von Liebe, Musik, Poesie und Tanz

Das soziale System

Als Stamm bilden die Beduinen eine große Solidargemeinschaft. Die Beduinen jedes Stammes glauben, daß sie von einem gemeinsamen Vorfahren abstammen, fühlen sich also wie eine große Verwandtschaftsgruppe. Jeder Stamm (im Südsinai leben etwa 10 Beduinenstämme) setzt sich aus mehreren Untergruppen zusammen, die jeweils einen eigenen Namen haben und in sich auch wie ein Ministamm funktionieren. Diese Untergruppen setzen sich aus Großfamilien zusammen. Früher hatten die Großfamilien auch gemeinsamen Besitz und das ist zum Teil heute noch so. Unter den Stammesmitgliedern herrscht große Solidarität.

Die Familie ist das Zentrum der Gemeinschaft. Im Islam ist die Familie quasi heilig und es ist die Pflicht eines jeden Muslims, selber eine Familie zu gründen. Die Beduinenfamilie lebt zusammen, bis die Mädchen "wegheiraten" und alle Kinder groß sind. Lebenslang sorgt man sich umeinander. Die Behinderten werden selbstverständlich von den Familien mit versorgt und die alten Menschen wohnen meist in der Nähe eines ihrer Söhne. Oft sind es die Enkelkinder, die sich um die Alten kümmern. Normalerweise versorgen sich die Beduinen bis ins hohe Alter weitgehend selber. Heiraten ist ein wichtiges Thema in den Familien. Die Mädchen heiraten oft im Alter von 16-20 Jahren. Ab diesem Zeitpunkt ist ihr Ehemann und nicht mehr der Vater für ihren Lebensunterhalt zuständig. Allerdings bleibt die Frau Teil ihrer eigenen, väterlichen Familie und trägt auch weiterhin zu ihrem eigenen Namen den ihres Vaters. Die Mädchen und Frauen sind die Hauptverantwortlichen dafür, daß die Familie "rein" bleibt. Ehebruch ist absolut verboten. Wohl aber kann man sich scheiden lassen und gegebenenfalls jemand anderen heiraten.

Konflikte im Inneren

Wenn es im Fluß des alltäglichen Lebens zu Spannungen, Krisen und Konflikten kommt, bemühen sich zunächst alle Beteiligten und Dabeistehenden - und vor allem Verwandte - durch Ausdiskutieren und geduldiges Hin- und Her-Argumentieren, den Konflikt zu lösen. Häufig tritt eine ältere Person vermittelnd ein. Konfliktgespräche sind von einer sehr kultivierten und ritualisierten Gesprächstradition geprägt. Normalerweise sprechen die Leute nicht durcheinander und man versucht, sich gegenseitig zu beruhigen. Wenn die Streitenden aber in eine Sackgasse geraten, bringt man die Sache vor einen qadi, also einen Richter.

Der Richter ist weniger dazu da, einen Schuldigen zu finden und zu bestrafen, vielmehr ist es seine Aufgabe, das Gleichgewicht wiederherzustellen. Das beduinische Rechtssystem ist sehr komplex und ausgeklügelt. Es gibt etwa zehn Spezialisten unter den Beduinenrichtern, die für jeweils ein Fachgebiet zuständig sind: Streit über Land, über Palmen, über Frauen, über Kamele oder über Verletzung der Ehre usw. Zeugen und Bürgen spielen bei den Prozessen eine wichtige Rolle. Das gesamte beduinische Rechtssystem funktioniert ohne Schrift.

Konflikte mit der Außenwelt

Zwar sind die Beduinen des Sinai ägyptische Staatsbürger, aber die meisten unter ihnen identifizieren sich in erster Linie mit ihrer Stammeszugehörigkeit. Mit dem Rest der Ägypter und vor allem den Regierungsvertretern leben sie als Stamm eher im latenten Streit. Hauptkonfliktpunkt zwischen Stamm und Staat sind im Sinai - wie bei vielen anderen Nomaden und "Ex-Nomaden" - die Rechte auf Landbesitz und Landnutzung.

Heute, wo der Homo Touristicus in seinen Hotels Hauptbewohner der Küste ist, schießen die Preise für Küstenland in die Höhe. Der Streit zwischen dem nationalstaatlichen Rechtsverständnis der ägyptischen Behörden und den Stammesvertretern der Beduinen entbrennt aus zwei unterschiedlichen Rechtsauffassungen: das geschriebene Gesetz über territoriales Eigentum steht dem Gewohnheitsrecht des Stammes über Bodennutzung gegenüber; man könnte es so ausdrücken: besitzen und verkaufen (Staat) oder benutzen und verwahren (Stamm). Die Beduinen fühlen sich oft zurückgedrängt und tatsächlich zerstören immer wieder Bulldozer auf Geheiß der Regierung Camps, die von Beduinen an der Küste errichtet wurden, wenn die Landfrage und die Frage der Baugenehmigung aus Behördensicht nicht gänzlich geklärt ist.

Im "Hinterland", also in der Wüste im Innern des Sinai, leben die Beduinen am ungestörtesten ihr Leben, da dürfen sie auch ohne Genehmigung bauen. Nicht jedoch, wenn es sich um ein Naturschutzgebiet handelt - dort wohnt man dann halt einfach wieder im Zelt, wie zum Beispiel in Ras Abu Galum.

"Beduinischer Islam"

Die Beduinen sind Muslime. Die meisten unter ihnen erfüllen die religiösen Pflichten, das heißt, sie beten fünf mal täglich Richtung Mekka (nach vorhergehender ritueller Reinigung), sie fasten im Ramadan und sie bemühen sich, Geld für eine Pilgerfahrt nach Mekka zusammenzusparen. Diese Pilgerfahrt, arabisch hajj (sprich: hadsch), soll jeder Muslim einmal in seinem Leben gemacht haben, aber nur, wenn er seine Familie zu Hause gut versorgt zurücklassen kann.

Eine weiter religiöse Pflicht des Islam ist das Glaubensbekenntnis: "Ich bezeuge, daß es keinen Gott gibt außer Gott und Muhammad ist der Gesandte Gottes" Das Wort "Islam" bedeutet in etwa: Hingabe an den Willen Gottes. Die Beduinen haben mir diesen Punkt immer sehr gerne und ausführlich erklärt. Ich versuche, zusammenzufassen: "Du sollst immer den Gedanken an Gott in deinem Inneren tragen. Er ist es, der uns alles gibt und der alles erschafft. Er ist es, der gibt und nimmt. Wir dürfen nie fragen, warum er das tut, wir müssen es hinnehmen. Du mußt Gott für alles danken, was er dir gibt. Egal, was ist, du sollst sagen: al-hamdulillah, Lob sei Gott! Wenn du das immer bedenkst, fällt es dir auch viel leichter, etwas zu ertragen, das schmerzt oder das du nicht verstehen kannst. Du darfst nicht mit Gott hadern oder etwas von ihm zurückweisen. Vergiß nie, daß er es ist, der die Menschen erschafft. Wenn du das Glaubensbekenntnis aufrichtig sagst und wenn du die täglichen Gebete betest und nach Gottes Geboten lebst, bist du ein Muslim. Dann kommst du nach dem Tod ins Paradies."

Die Beduinen feiern wie die anderen Muslime die großen Feste. Das größte Fest ist wohl das Opferfest am Ende des Pilgermonats (Id al Adha). Die ganze Familie kommt zusammen, alle kleiden sich in ihre besten Kleider oder kaufen extra neue Kleider und Schuhe für diesen Tag. In jeder Familie wird ein Schaf geschlachtet (eigentlich: geschächtet). Man geht sich den ganzen Nachmittag gegenseitig besuchen und wünscht sich ein frohes Fest und ein gutes Jahr. Das Schlachten des Schafes erinnert daran, daß der Prophet Abraham bereit gewesen war, seinen eigenen Sohn zu opfern. Statt dessen ließ Jehowa ihn aber ein Schaf schlachten. Wenn die Muslime heute schlachten, zeigen sie damit ihre Bereitschaft, sich ebenso wie Abraham dem Willen Gottes zu unterwerfen.

Man findet im Inneren des Sinai kaum Moscheen. In den Städten dagegen werden mehr und mehr Moscheen gebaut. Muslime gehen vor allem freitags in diese Versammlungshäuser zum gemeinsamen Gebet. Die Beduinen sehen das häufig nicht so eng und beten zu Hause oder zusammen mit ein paar Verwandten und Freunden, die gerade da sind. Die fünf täglichen Gebete darf man gemäß islamischer Gebote überall verrichten, man muß dazu nicht unbedingt in eine Moschee gehen.

Vom ruhigen Gemüt

Bei meinem Leben mit den Mzaina-Beduinen bin ich immer wieder auf ein Wort gestoßen, das von enorm wichtiger Bedeutung für sie zu sein scheint: raha. "Raha" heißt auf deutsch etwa: Ruhe, Wohlbefinden. Das Gegenteil von Raha ist daushe: Krach, Radau, Aufregung. "Daushe" wird vor allem gegenüber Kindern benutzt. Wenn sie zu lange in der Nähe der Mutter spielen, sich balgen, herumplärren, ruft die Mutter: "Daushe, ya `ayal! Was für ein Lärm, ihr Kinder! Geht raus, spielt draußen! Ich ertrage diesen Krach nicht mehr." Auch die Stadt bedeutet Daushe: Lärm, Aufregung, aber auch Anspannung. Das Lärmen der Autos, die Enge zwischen den Häusern, das Geplärr der vielen Menschen rauben dem Menschen seine Ruhe.

Dausche ist das Gegenprinzip zu Raha, der Ruhe, die der Mensch zum Leben braucht. Immer, wenn Beduinen mir von den Vorzügen des echten Beduinenlebens und der "guten alten Zeit" vorschwärmen, benutzen sie den Ausdruck: raha fil-bal, Ruhe im Gemüt. Wie Muhammad, als er mich wieder einmal fragte, warum ich nicht für immer im Sinai bleiben möchte. "Wenn dir der Sinai und das Beduinenleben so gut gefällt, warum bleibst du dann nicht einfach hier?" sprach er zu mir. "Heirate einen von uns und bau dir hier ein Haus. Ahh, dann kannst du mit ihm Ausflüge machen. Ihr nehmt euch ein Böcklein mit, sucht euch Brennholz und macht euch in einem der Wadis einen schönen Abend. Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich auch öfters raus gehen in die Wüste. Es ist etwas Wunderbares. Das Gemüt findet raha, Ruhe. Und es gibt nichts Schöneres, als mit entspanntem Sinn auf einem Kamel dahinzureiten - dir gehört die ganze Welt! Aber: Die Zeiten haben sich geändert. Heute ist das Beduinenleben nicht mehr das, was es früher einmal war."

Raha ist beides: Äußere Ruhe, also Abwesenheit von Lärm und Hektik, sowie innere Ruhe. Die innere Ruhe befindet sich im Geist und steht für Freisein von zerfressenden Sorgen und von Streß. Zu viel Denken und Grübeln, sagen mir Beduinen immer wieder, raubt dem Menschen diese innere Entspanntheit. Der letzte Punkt bedeutet auch, daß man eine Sache, die erledigt ist, loslassen muß. Was abgeschlossen ist, soll man als fortgegangen betrachten. An ein gelöstes Problem soll man nicht mehr denken. Ebenso soll man Ärger, den man im Herzen trägt, abends nicht mit in den Schlaf nehmen.

Von Liebe, Musik, Poesie und Tanz

Die wahre, reine Liebe (zwischen Frau und Mann) ist ein hohes Ideal unter den Arabern. Oft ergibt sich aber für Liebende kaum die Möglichkeit, sich zu sehen und zu treffen, geschweige denn, zu heiraten. Eine Ehe verlangt aber auch nach ganz anderen Dingen als nach reiner Liebe: Die Frau soll einen Haushalt führen und Kinder gebären können, der Mann soll den Haushalt und die Familie mit Geld versorgen und beide, Mann und Frau, sollen sich gegenseitig respektieren und achten und sich um ein friedliches Zusammenleben bemühen.

Die Liebe aber, von der es übrigens zwölf verschiedene Stufen gibt, steht auf einem anderen Blatt - und ist eines der Lieblingsthemen der Lieder der Sänger der arabischen Halbinsel, welche die Mzainabeduinen sich mit Leidenschaft Tag und Nacht anhören (ich übrigens auch). Die Mzaina fühlen sich mit dieser Musik verbunden, weil sie ursprünglich aus Saudiarabien stammen.

Die erste Stufe ist Liebe, "hubb". Die zweite Stufe könnte man mit Liebesglut übersetzen. Dann folgen Schlaflosigkeit und Außer-sich-sein und noch einige weitere Stufen. Die vorletzte Stufe der Liebe ist der Wahnsinn, die letzte der Tod. Damit ist gemeint, daß man vor Liebe stirbt. Die saudiarabischen Lieder kreisen meist um den Topos der enttäuschten Liebe. Der Sänger, allein und einsam, beklagt sich bei der Welt, bei den Sternen, den Felsen darüber, daß seine Geliebte ihre Liebe verraten hat. Oder noch schlimmer: er findet gar niemanden, zu dem er mit seiner Klage gehen kann. Der Verletzte beweint in schlaflosen Nächten sein Leid und will nichts mehr von der Welt und den Menschen wissen, sieht sich selbst mehr tot als lebendig. Er möchte die Geliebte vergessen und kann es nicht - waren es doch ihre Augen, ihre Stimme, ihre Worte, die ihn verzaubert hatten. Die enttäuschte Liebe läßt die ganze Welt und das Leben traurig und nichtig erscheinen. Andere Lieder lamentieren in allgemeinerer Form über die Welt und die Leidenschaft: Man kann sich den Kopf zerbrechen und doch nie begreifen, welchen Regeln sie folgen. In den letzten Zeilen jedoch wird manchmal trotz des Schmerzes eingestanden, daß so nun einmal der Lauf der Welt ist und man sich mit seinem Schicksal zufrieden gibt. (Zum Beispiel im Lied "ya lel khabbirni" des saudischen Sängers Muhammad Abduh)

Fast jeder Haushalt der Mzainabeduinen besitzt einen Kassettenrecorder. Jenseits der Städte werden sie mit Batterien betrieben. Kassetten hören, austauschen, verschenken und verleihen ist eine beliebte Beschäftigung. Manchmal sitzen die Leute einfach nur um einen Recorder und lauschen einem Lied nach dem anderen. Sie geraten ins Schwärmen und Träumen: "Ach - wie wunderbar! Diese Worte! Was für ein Lied!" Manche Lieder spulen sie mehrmals zurück, um sie immer wieder anzuhören. Fährt ein Beduine ins Nachbarland Jordanien, gibt man ihm eine Liste von Musikkassetten mit, die er dort besorgen soll. Im Sinai ist das Angebot nämlich eher spärlich.

Aber nicht nur die abgespielte Musik dreht sich um die Liebe, sondern natürlich auch die Lieder, die die Beduinen selber auf ihren Instrumenten spielen. Die wichtigsten Instrumente sind die einsaitige Geige (rababa), eine fünf- oder sechssaitige Leier (simsimiya) und die Flöte (shababa). 

Die Flöte wurde in vergangenen Tagen vor allem von den Hirtinnen gespielt, wenn sie den ganzen Tag mit dem Vieh draußen auf der Weide waren. Einige Frauen haben darauf große Meisterschaft entwickelt und beherrschen die Zirkularatmung, d.h. sie müssen beim Spielen nicht anhalten, um Luft zu holen, weil sie dies während des Flöte-Blasens können. Der Liedtyp hejeni wird auch ohne Instrumente gesungen, am liebsten lautstark in einem Tal draußen in der Wüste, auf einem Kamel reitend.

Die mit und ohne Instrumente gesungenen Lieder drehen sich größtenteils um unerfüllte Liebe. Oft singt ein Mann von seiner Sehnsucht zu einer Frau. Es ist aber verboten, daß sie sich treffen. Also hofft er, sie wenigstens ab und zu sehen zu dürfen. Weil die Frauen im Sinai den unteren Teil ihres Gesichtes hinter einem Schleier verbergen, kommt der Sprache der Augen eine besondere Bedeutung zu und entsprechend wird sie in den Liedern besungen. Junge Beduinen hören heutzutage aber gerne ägyptische Popmusik. Auch sie besingt...die Liebe!

Unter den Beduinen gab es seit jeher große Dichter. Sie komponieren stundenlange Gedichte, ohne je ein Wort aufzuschreiben. Teils werden die Gedichte "trocken" rezitiert, teils mit Instrumentalbegleitung. Viele der Gedichte drehen sich um die Liebe und um Liebeskummer. Es gibt aber fast nichts, das man nicht be-dichten könnte. Die Ereignisse der Natur, die Kamele, die Weide, die Gastfreundschaft und der Kaffee, das Zelt, die Freundschaft, das Einsickern der Moderne und der Technik, benachbarte Stämme, die Religion, die Politik, Kriege - sie alle geben Stoff für Gedichte. Ein beliebtes Thema ist heute, ein Kamel und einen Jeep vor den Richter treten zu lassen, damit beide ihm ihre Vorteile und die Nachteile des anderen vortragen und er dann entscheiden soll, wer von beiden besser für die Wüste geeignet ist.

Gedichte drücken Gefühle aus. Aus ihnen kann Sehnsucht sprechen, Leidenschaft, aber auch Zorn, Wut, Unverständnis, Kritik oder Spott. Ein geschickter Dichter hat "Mut zur Lücke". Er weiß seine Worte so zu wählen und zu plazieren, daß mehrere Dinge gleichzeitig gesagt werden können. Oder er spricht so zweideutig, daß genau das Gegenteil gesagt wird von dem, was gemeint ist. Es bedarf also eines gut informierten und aufmerksamen Publikums, um wirklich den Sinn der Gedichte verstehen zu können.

Eine besondere Form der Dichtung ist die Spontandichtung beim dahiye, einem typisch beduinischen Reihentanz, der nur abends und nachts stattfindet und bei keinem festlichen Anlaß fehlt. Etwa zehn bis fünfzehn Männer bewegen sich in einer Reihe mit langsamen, schreitenden Schritten vorwärts und wieder zurück. Die Frauen sitzen in einigem Abstand vor der Reihe und nur jeweils eine steht auf, um vor den Männern zu tanzen. Auch ihre Schritte sind langsam und sie bewegt sich hin und her, während sie gleichzeitig die Reihe der Tanzenden nach vorne zu ziehen und nach hinten zu drücken scheint. Die Männer beugen ihre Oberkörper gemeinsam zu der Frau hin und richten sie beim Zurückgehen wieder auf.

Dabei singt jeweils ein Mann einen Vers, alle zusammen singen den kurzen Refrain, dann singt der nächste einen Vers usw. Je zwei Silben werden mit Klatschen begleitet, zwei Silben bleiben frei. Begabte Sänger singen alleine längere Passagen. Die Texte, die von den Männern spontan gedichtet werden, besingen unterschiedliche Themen. Meist besingt man den Tanz selbst, die Nacht, den Gesang, die Frauen. Manche Verse sind voller Sehnsucht, andere dagegen urkomisch. So besingt mancher Mann die Mühen des Ehelebens und zeichnet sich selbst als einen Idioten, der sich von seiner dominanten Frau zum Narren halten lassen muß.

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